Reinhardt Graetz

Inhalt

Fortschritt, allgemein

"Pantha rhei" -alles fließt

Alles bewegt sich und schafft dadurch ständig Veränderungen. Nichts bleibt so, wie es ist.

Wie stellen sich die Menschen auf ständige Veränderungen ein? Sie könnten Veränderungen einfach so hinnehmen, oder sie könnten sie für sich nutzen - das wäre die Basis allen Fortschritts. Noch besser: sie könnten Veränderungen nach ihren Vorstellungen selbst herbeiführen.
Voraus geht allen Aktionen eine Einschätzung: Werden deren Ergebnisse nützlich oder schädlich sein? Gut oder schlecht? Gut oder böse?

Die Moral als Grundlage zweierlei Fortschritts
Erst die Moral liefert uns eine Bewertungsgrundlage des Bestehenden. Fortschritt entsteht, wenn Menschen Veränderungen nach ihren Vorstellungen herbeiführen wollen mit dem Ziel, Bestehendes zu "verbessern" oder Unzulänglichkeiten zu beseitigen. Voraus geht immer eine Situationsanalyse, der eine Bewertung folgt - ein "Gutbefund". Seit die Menschen die Moral "entdeckt" haben, haben sie zweierlei Arten von Unzulänglichkeiten ausgemacht:

- in ihrem eigenen Verhalten
- in ihren Lebensbedingungen

So kann man auch zweierlei Arten des menschlichen Fortschritts ausmachen: einen sozial-kulturellen und, seit ca. 200 Jahren, auch einen wissenschaftlich-technischen. Während der wissenschaftlich-technische generell auf zuverlässigen naturwissenschaftlichen Grundlagen funktioniert, beruht der anvisierte sozial-kulturelle bisher auf willkürlichen Annahmen und subjektiven Einschätzungen. Erst in unseren Tagen bemächtigt sich die naturwissenschaftliche Denkweise auch sozialer Disziplinen. Deswegen ist es inzwischen zu deutlich unterschiedlichen Geschwindigkeiten zwischen beiden gekommen.
Während der sozial-kulturelle Fortschritt auf eine Verbesserung menschlicher Verhaltensweisen abzielt, bewirkte der wissenschaftlich-technische Fortschritt bisher eine deutliche Verbesserung der menschlichen Lebensumstände.

Ist und Soll
Allgemeiner formuliert, gibt es seither ein Bewusstsein über eine Differenz zwischen Ist- und Sollzustand. Häufig kommt der Istzustand bei einer Analyse schlecht weg, und soll deshalb durch einen als "besser" formulierten Sollzustand als Zielvorstellung ersetzt werden. "Fortschritt" umschreibt dann den Weg, auf dem die Zielvorstellung erreicht werden soll.

Als sozial-kultureller Fortschritt wird dabei eine Veränderung menschlicher Verhaltensweisen in Richtung Miteinander vom bisherigen Gegeneinander beschrieben. Deren Zielvorgaben beruhten dabei bisher auf unterschiedlich subjektiv begründeten Meinungen und Glaubensvorgaben. Zu dieser Zielsetzung sind bisher nur geringe Fortschritte erkennbar. Deren Grundlagen haben sich als unzuverlässig und wenig überzeugungsfähig erwiesen.

Im Gegensatz dazu ist seit ca. 200 Jahren eine stetige Beschleunigung des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts zu beobachten. Er beruht auf der Erkenntnis von Tatsachen und deren späterer Nutzung. Deren zuverlässige Grundlagen sind zumeist Naturgesetze, aber neuerdings auch daraus abgeleitete Zusammenhänge im Bereich von Medizin und Soziologie. Die Zielvorgaben sind dabei allgemein neben Beseitigung von Unzulänglichkeiten der Erwerb von mehr Freiheitsgraden von bisherigen Naturvorgaben.

Vier Verhaltensmuster
Die Menschen zeigen hauptsächlich vier Verhaltensmuster, mit Veränderungen umzugehen:

1. Optimisten begreifen Veränderungen immer
    als Chance für Verbesserungen. Sie übersehen
    dabei häufig die Gefahren.

2. Pessimisten fürchten sich: sie fühlen sich
    durch Veränderungen bedroht. Dabei
    übersehen sie häufig ihre Chancen.

3. Realisten analysieren Chancen und Risiken,
    ehe sie sich zu Aktionen entscheiden. Dabei
    fallen ihnen häufig Entscheidungen schwer,
    und sie fangen erst mal mit der nächsten
    Analyse an.

4. Fatalisten nehmen alles so hin, wie es kommt.


Der Fortschritt ist eine Schnecke - aber langfristig nicht aufzuhalten!
Wenn der Mensch imstande ist, Veränderungen für sich zu nutzen, oder sie möglicherweise extra deswegen herbeiführt, damit er sie nutzen kann, spricht man von "Fortschritt". Man kann ihn umschreiben mit einem Zugewinn an Freiheitsgraden, die vorher so nicht bestanden - er bedeutet somit die Ausweitung biologisch vorgegebener menschlicher Fähigkeiten und Möglichkeiten, Zeitgewinn eingeschlossen. Jedweder Fortschritt ist immer moralisch begründet: Unzulänglichkeiten werden dadurch verringert oder ganz beseitigt, Bestehendes wird verbessert - "das Bessere ist des Guten Feind". Ob die erzielten Veränderungen "gut" oder "böse" sind, wird subjektiv immer unterschiedlich beurteilt werden. Das durch den Fortschritt erreichte neue Potential sollte daher immer begleitet sein durch ein Verantwortungsbewusstsein, das vorweg eine routinemäßige Abschätzung des Veränderungs- und damit auch Verfügungspotentials einschließt: Wie weit könnte im Extremfall der Nutzen oder Schaden des nunmehr erreichten Fortschritts gehen? 

Je mehr Freiheitsgrade durch irgendeinen Fortschritt erreicht werden, umso größer wird die Reichweite menschlicher Entscheidungen. Und die können immer zum Guten wie zum Bösen genutzt werden. Daher erwächst den Menschen aus jedem Fortschritt auch eine größere Verantwortung.

Zeitgewinn: alles, was hilft, dir Zeit einzuparen, eröffnet dir mehr Spielraum, die Dinge nach deinen Vorstellungen zu gestalten. Die Frage, "was brauche ich wirklich und was nicht?" ist vor diesem Hintergrund leicht zu beantworten.
Das 20. Jahrhundert brachte da enormen Fortschritt - den Frauen beispielsweise durch die Waschmaschine, allen durch die Zentralheizung. Zeitgewinn: mehrere Stunden pro Tag. Und, was macht der Mensch mit der gewonnenen Zeit? Er pflegt sie gnadenlos zu verplanen. Im Zeitplan stehen vermutlich heutzutage doppelt so viel Termine wie vordem. Laut Herrn Darwin überleben nur die Cleversten...

Erkenntnisgewinn
Fortschritt nach Georg Christoph Lichtenberg: "Lesen heißt borgen, daraus erfinden abtragen". Wenn du immer mit allem zufrieden wärst, würde es nie einen Fortschritt geben. Wärst du mit gar nichts zufrieden, würde es ständig nur Unruhe, Revolutionen und Kriege geben, und du wärest dein Leben lang unglücklich.

Was ist wichtig? Was ist gut? Alles, was dem Leben nützt, was es schützt, bereichert, wertvoller macht – was die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigt; jeder Erkenntniszuwachs, der an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wird. Zu Goethes Zeiten konnten die Menschen noch nicht fliegen, und er hielt die Menschheit daher für "noch nicht alt". Inzwischen haben die Menschen fliegen gelernt und sind damit ein Stück älter geworden. Nun müssen sie noch Kriege und die Sklaverei abschaffen.

"Wachset und mehret euch" - wäre das Fortschritt? Eher ein fataler Irrtum der antiken Bibelautoren. Stetiges Wachstum bei endlichen Ressourcen ist widersinnig. Bei Körpergewicht, Krebszellen und Fußnägeln ist dies unmittelbar einsichtig. In der Wirtschaft wird man wohl oder übel zu der gleichen Ansicht kommen müssen - auch deren Bäume wachsen nicht ungebremst in den Himmel. Ebenso kann die Weltbevölkerung nicht unaufhaltsam weiterwachsen. Die Ressourcen wachsen nicht mit! Wenn es immer mehr Menschen auf der Welt gibt, aber die Güter der Erde zwangsläufig nicht mitwachsen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis alles knapper und knapper wird. Entweder regulieren die Menschen das intelligent aus, oder die Dinge nehmen ihren - dann umso brutaleren - Lauf.

Plädoyer für eine heile Welt
In einer unheilen Welt könnten wir auf die Dauer nicht leben. Eine heile Welt hat freilich nichts mit ihrer verschnulzten Karikatur zu tun. Das verlorene oder zu gewinnende Paradies ist nirgends als in dir selbst - als ein Teil deiner Vorstellungswelt. Es hat real nie existiert, aber wir könnten es uns schaffen – durch Einsicht, Erkenntnis und Augenmaß, durch ständige Arbeit daran – in dieser unserer Welt, nirgends woanders.