Reinhardt Graetz

Inhalt

Fortschritt


Sozialer und technischer Fortschritt:
Unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeiten 

Rasante technische Entwicklung - seit ca. 200 Jahren
Im 20. Jahrhundert beschleunigte sich die wissenschaftlich-technische Entwick-
lung so stark, dass inzwischen immer mehr Menschen Gefahr laufen, den Anschluss dazu und damit einen Teil ihrer Kompetenzen zu verlieren. Diese Entwicklungsgeschwindigkeit hält auch im neuen Jahrtausend unvermindert an. Innovationszyklen werden immer kürzer; gestern noch brandneue Produkte oder Entwicklungsergebnisse können heute schon wieder veraltet sein. In immer kürzeren Abständen tauchen neue Geräte und Maschinen auf, an die vor kurzem noch kein Mensch gedacht hat, und die haben eine immer kürzere Halbwertszeit.
Nach Voraussagen von Experten wird sich diese Entwicklung weiter verstärken und sich damit nicht nur exponientiell beschleunigen, sondern auch an Breite und Nachhaltigkeit gewinnen. Unser aller Leben wird in den nächsten Jahren weiterhin total umgekrempelt werden - irreversibel.


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Inzwischen können wir fliegen, fahren, tauchen, sauberes Wasser herstellen, kilometertief in die Erde graben, zeitgleich mit unseren Mitmenschen am anderen Ende der Welt kommunizieren und uns simultan aus weltweiten Datenbanken mit Informationen versorgen. Wir können in sauberen, hellen Wohnungen leben, haben Nahrungsmittel im Überfluss und werden doppelt so alt wie unsere Vorfahren noch vor wenigen Generationen. Manche Krankheiten sind ausgerottet, und viele Leiden können heute routinemäßig behandelt werden, die noch vor kurzem ein sicheres Todesurteil für die Patienten waren. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt, für gute Zwecke angewendet, hat tatsächlich unsere äußeren Lebensumstände deutlich verbessert.

Leider gilt das nicht überall auf unserem Planeten: da sind wir schon beim nächsten Problem:

Soziale Entwicklung im Kriechgang – seit mehr als 4 000 Jahren
Im Gegensatz dazu verläuft die soziale Entwicklung der Menschen seit Jahrtausenden bestenfalls im Kriechgang. Pessimisten behaupten, es hätte gar keine gegeben. Immerhin gibt es kaum noch Kannibalismus – aber Kriege, Streitereien, Armut und Analphabetentum grassieren immer noch, ohne konkrete Aussicht auf Verbesserung. Und, strenggenommen, leben wir immer noch in einer Art modernisierter Sklavenhaltergesellschaft. Die Sklaven nennt man heute „Arbeitnehmer“, die Herren sind die „Eliten“ – die „Gleicheren“ unter uns. Dabei vermehren sich die Menschen ungebremst zu Lasten endlicher Ressourcen wie ihrer Mitmenschen auf dieser unserer Erde. Wir alle spielen dieses Spiel munter mit, wenngleich auch mit zunehmendem Unbehagen. Hinzu kommt auch noch ein Klimawandel, der uns alle so oder so betrifft. Ob mehr hausgemacht oder von der Natur ausgehend - ein Problem, das uns alle angeht, und uns gleichermaßen vor technische wie soziale Herausforderungen stellt.

Sozialer Fortschritt im Kriechgang, technisch-wissenschaftlicher im Schnellgang:
Der langsame beruht auf Meinungen, der schnelle auf Tatsachen.

Zwischenbilanz: Astronauten und Neandertaler    
Im Ergebnis von beiden Entwicklungen hat sich der Mensch von heute zu einem technischen Riesen ausgewachsen, ist aber ein sozialer Zwerg geblieben – eine buchstäblich brand-gefährliche Mischung! Man könnte auch sagen, der Neandertaler spielt Astronaut - sozial ist er aber ein Neandertaler geblieben.    
Wie konnte das geschehen? Welche Gefahren stecken dahinter, und welche Chancen ?

Moralbewusstsein und Fortschritt
In grauer Vorzeit entdeckten die Menschen die Moral – den Unterschied zwischen gut und böse. Vermutlich wurde dies zuerst in einer antiken ägyptischen Philosophenschule ausformuliert. Schon lange vor der Antike bildeten die Menschen verschiedene Gruppierungen, die sich im Laufe der Jahre wandelten und bis heute ein wichtiges Charakteristikum der menschlichen Gesellschaft geblieben sind. Wichtige Gruppierungen sind bis heute allerlei Glaubensgemeinschaften – sie pflegen mit ihren willkürlichen Narrativen meist ein Eigenleben mit einer Gruppendynamik und einer speziellen Gruppenmoral. Das bedeutet: die einzelnen Gruppenmitglieder müssen sich der Gruppenräson unterordnen.
Über deren religiöse Vorstellungen wurde das Moralbewusstsein den Sklaven nahegebracht; sie sollten es sich nach und nach aneignen. Immerhin ist es inzwischen bei ihnen „angekommen“: In unseren Tagen tauchen überall „Gutmenschen“ auf, die moralische Maßstäbe nicht nur an ihre Mitmenschen, sondern auch an allerlei Institutionen anlegen.

Das Moralbewusstsein
ist die Grundlage jedweden Fortschritts, weil dadurch erst die Wahrnehmung von Unzulänglichkeiten ermöglicht wird. Ohne diese Wahrnehmung entfiele generell das Motiv, eben jene Unzulänglichkeiten zu verbessern oder ganz beseitigen zu wollen – ebenso, wie es dazu beiträgt, Bestehendes zu verbessern bis hin zu einer gefühlten Perfektion. Wie nun aber die Ziele der Verbesserungen aussehen sollen – darüber streiten sich die Menschen seit der Antike bis heute, und daher führen sie immer wieder Kriege - eine Gruppe gegen irgendeine andere.

Bei einem Sieg spekuliert eine Gruppe immer auf Vorteile zu Lasten der anderen: überkommenes Steinzeitverhalten. Wie im Tierreich geht es um die Macht vom "Platzhirsch". Die Sklaven unterstellen ihm, dass er als "starker Mann" auch automatisch weise genug sei, seine Gruppe zu führen. 
Somit hat der Führerkult sehr lange Wurzeln und ist keinesweges eine Erfindung der Neuzeit.

Kriege abschaffen-?
Dazu müsste man zuerst ein übergeordnetes, globales Gruppenbewusstsein aller Menschen implementieren mit dem Ziel, dass alle - bei allen kulturellen Unterschieden - das Gefühl hätten, als Weltbürger gemeinsam auf demselben Raumschiff Erde zu wohnen, und alle aufeinander angewiesen seien, um als Spezies in den Weiten des Weltraums zu überleben. Das wäre ihr gemeinsames Interesse. Dann wäre es widersinnig, als Gruppen ständig gegeneinander Kämpfe zu veanstalten.
Da gibt es für die nachfolgenden Generationen noch einiges zu tun - wenn es dazu nicht schon längst zu spät ist. Unmöglich wäre es allerdings nicht - man müsste es nur wollen. Dafür müssten allerdings alle ein übermächtiges Motiv dazu verspüren...

Beseitigung von Unzulänglichkeiten und Paradiesvisionen
Aus heutiger Sicht gehen also die technische als auch die moralisch-kulturelle Entwicklung auf das gleiche Motiv zurück: Unzulänglichkeiten zu beseitigen und/oder Bestehendes verbessern zu wollen. Seit der Antike arbeiten die Religionen - und heutzutage die Wissenschaft - an genau dem gleichen Ziel, allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Ergebnissen.

Moral, Religionen und sozialer Fortschritt    
Die Gedankengebäude der Religionen gingen von der Annahme aus, dass es Verbesserungen des irdischen „Jammertals“ nur geben könne, wenn die Menschen vom „Bösen erlöst“ würden, indem sie sich selbst zu „besseren“ Menschen wandeln würden. Sie setzten dazu entsprechende Visionen mitsamt einem moralischen Regelwerk (Juden/Christen: „10 Gebote“) in die Welt, an die die Menschen fortan glauben und sich daran halten sollten. Seither war und ist für sie der Glauben an eine bessere Welt der Dreh- und Angelpunkt ihres Selbstverständnisses. Das gilt ebenso für ihre säkularen Varianten: auch hier sollte ein „neuer Mensch“ entstehen, durch Veränderung des Umfeldes und ein „neues Bewusstsein“ – präziser: beispielsweise im sozialistischen Utopia ein neuer Mensch mit „sozialistischem Bewusstsein“.

Das „Böse“ ist nach Auffassung der Religionen hauptsächlich im unzulänglichen (=“sündigen“) Charakter der Menschen zu suchen. Durch ständigen Kampf gegen die "sündige menschliche Natur" soll das Böse zurückgedrängt und schließlich vollständig eliminiert werden. Die Übungen dazu sind ständige Überprüfung des eigenen Handelns mit notwendigen Korrekturen, bis sich schließlich der geläuterte Charakter allgemein durchgesetzt hat. Hierzu sind von den Klerikern die Erbsünde, die Beichte als auch die Vision von der „Erlösung vom Bösen“ durch ein „Weltgericht“ und das „himmlische Jerusalem“ mit der immerwährenden Herrschaft der „Gerechten“ als Glaubensvorstellungen installiert worden.

Kämpfe von Gruppen gegeneinander
Was sie nicht bedachten: durch das Etablieren verschiedener Religionen wurden Gruppenbildungen mit entsprechenden Ab- und Ausgrenzungen zu Andersgläubigen gefördert und über die Jahrhunderte fortgeschrieben und zementiert. Es stellte sich bald für jede dieser Gruppierungen ein spezielles Bewusstsein der Gruppenidentität ein: Nur WIR sind die einzig Guten und verfügen über den „einzig wahren“ Glauben; alle anderen sind minderwertig oder böse. Und so erachten sie es bis heute als unbedingt nötig, die „bösen“ Gruppen zu bekämpfen mit dem Ziel, sie möglichst zu eliminieren (Kreuzzüge, Jihad, …). Generell zieht sich seit der Etablierung von Religionen und ihren inzwischen säkularen Kopien eine Blutspur durch die Geschichte, geprägt durch Kriege, Gewalt, Unterdrückung, Versklavung, Aufstände, Revolutionen – alles nur, um dem „Guten“ zum Durchbruch zu verhelfen und das „Böse“ möglichst zu eliminieren - zumindest das, was diese Gruppen für ihre Gegner jeweils als „böse“, und damit als jeweils verabscheuungswürdig deklarierten.
Auf die Spitze getrieben wurde dies mit der organisierten Massenvernichtung der Juden und anderer „Untermenschen“ von den Nazis im 3. Reich. Die stalinistischen Gräuel indes standen denen der Nazis kaum nach; in den Herrschaftsbereichen Stalins, Pol Pots und anderer Despoten und Tyrannen hat es ebenso Völkermorde und Vernichtungslager in großem Stil gegeben. Der IS kommt derweil in die gleiche Spur.

Kontraproduktives tierisches Erbe
Dieses Verhaltensmuster beruht auf unserem tierischen Erbe - die Spezies "Mensch" musste sich in ihrer Urzeit gegen andere Spezies durchsetzen. Inzwischen ist der Mensch zur dominierenden Spezies auf der Erde geworden. Was bis dahin die biologische Evolution der Menschen befördert hatte, verkehrt sich nun in sein Gegenteil: die vormaligen erfolgreichen Kämpfe gegen konkurrierende Spezies werden nunmehr als Gruppenkämpfe innerhalb der eigenen Spezies Mensch fortgeführt. Wenn sich dieses Verhalten nicht ändert, wird sich die Menschheit dadurch am Ende selbst vernichten.
Gefordert ist daher schon lange eine globale menschliche Gesellschaft des Miteinanders, nicht des ständigen Gegeneinanders vieler Gruppen. Die antiken ghost writer des frühen Christentums beispielsweise haben das durchaus richtig erkannt - "liebe deinen Nächsten wie dich selbst" - aber im Gegensatz dazu das Kampfverhalten gegenüber anderen Gruppen bis heute weder verurteilt oder gar abgelegt.

Die ernüchternde Bilanz nach ca. 4 000 Jahren Religions- und Sklavenhaltergeschichte:
Sozialen Fortschritt hat es in dieser Ägide nicht gegeben.

Fortschreibung sozialer Inkompetenz
Die Religionen haben bisher ihre selbst gestellten Ziele nicht erreicht, nämlich mit der Implementierung ihrer Moralvorstellungen soziale Kompetenz bei den Menschen hervorzurufen und zu verankern. Der Grund:
Sie haben es nur mit Zwang und Unterwerfung versucht ("du sollst, du musst, sonst...") - und die Menschen nicht zu eigener Einsicht erzogen. So entstand zwangsläufig Gegendruck und Ablehnung, oder, wie in jüngster Zeit, einfach Desinteresse.
Darüber hinaus haben die Glaubensgemeinschaften bei passender Gelegenheit immer zuerst ihre eigenen Ziele verfolgt, die Interessen einzelner Mitglieder hatten sich da unterzuordnen. Dabei haben sie ihre eigenen Glaubensvorgaben häufig unterlaufen oder konterkariert.
Kleiner Lichtblick: in jüngster Zeit werden sie mitunter als Organisation mit ihren eigenen moralischen Vorgaben sowie ihrer eigenen Geschichte konfrontiert, und möchten sich da am liebsten jedweder Überprüfung entziehen und ganz und gar aus der Verantwortung herauswinden. Die bisher bekanntgewordenen Vorgänge, beispielsweise die Missbrauchs-Skandale oder Geldverschwendung im Bistum Limburg, sind peinlich genug.

Das wahre Ausmaß der sozialen Inkompetenz im globalen Maßstab kann man sich schnell an ein paar theoretischen Beispielen klarmachen:
Was geschähe, könnten die Menschen über
1. ihr Geschlecht (derzeit zwei, Wahlmöglichkeit: keine)
2. ihr Alter
3. das Wetter bestimmen-?

Gobale Meeresverschmutzung durch gezielte "Verklappung" von Müll, Ölgewinnung duch Fracking, reguläre Sklavenarbeit in Bangladesch für global agierende Textilfirmen, Abholzung der Regenwälder in Südamerika sind lange bekannte Tatsachen, über die sich niemand aufregt. Ebenso das "Verbrennen" von Milliardenbeträgen durch asoziale Finanzmanipulationen.
Was derzeit in den Bio-Labors vorbereitet wird, entzieht sich weitgehend der öffentlichen Kontrolle. Woran da Militärs forschen, kann man bestenfalls erahnen...

Eines aber ist sicher: all' diese Vorgänge werden nicht von sozialen Kompetenzen begleitet...

"Du sollst nicht töten!"
galt damals schon nicht bei den Kreuzzügen, und gilt bis heute nicht beim Jihad - ebensowenig bei den organisatorischen Nachfolgern der Religionen, den säkularen Staaten; sie hielten an dieser Praxis bis heute fest. So gibt es bis heute immer noch Kriege, und ein Ende ist bis heute nicht abzusehen. Die Menschen haben zwar den Kannibalismus hinter sich gelassen, aber sie führen weiterhin unentwegt Kriege und betrachten vielfach ihre Mitmenschen als ihre Feinde - immer noch.
Festzuhalten ist, dass der weitaus häufigere Kriegsgrund immer ein Kampf um den "wahren" Glauben oder die richtige Ideologie war. Direkte Kämpfe um Ressourcen waren bisher eher selten.

Unser tierisches Erbe
Sklavenhaltergesellschaften mit Leithammeln (Alphatieren) und Hierarchien mit Befehlsstrukturen von oben nach unten; Verklärung von Abschlachtorgien von Menschen durch Menschen; Misstrauen gegen "Fremde"; postkannibalistische Essgewohnheiten; ...

Die menschliche Spezies trägt ein vielfaches biologisches Erbe mit sich herum. Als die Menschen in grauen Vorzeiten den Tieren noch näher waren als der heutigen Spezies Mensch, waren diese Eigenschaften und Gewohnheiten überlebensnotwendig. Inzwischen haben die Menschen sich als biologische Spezies deutlich von den Tiergesellschaften abgesetzt. Eine entscheidende Wegmarke bei dieser Entwicklung war die Entdeckung und Aneignung des Moralbewusstseins. So konnte sich eine kulturelle Evolution - als besondere Unterfunktion der biologischen - etablieren; in jüngster Zeit kam noch als weitere, vielleicht entscheidende Unterfunktion die technisch-wissenschaftliche Entwicklung hinzu. Manche Wissenschaftler denken inzwischen laut darüber nach, das jüngste Zeitalter der Erdentwicklung als "Anthropozän" zu etablieren, wegen der inzwischen unübersehbaren Dominanz der Menschen beim Erdgeschehen.
http://www.amazon.de/gp/product/3957571537?keywords=Anthropoz%C3%A4n&qid=1437575418&ref_=sr_1_9&sr=8-9

Was sich bei der sehr lange währenden biologischen Evolution als hilfreich erwiesen hatte, kehrt sich inzwischen unübersehbar um in sein Gegenteil. Das tierische Erbe (s.o.) erweist sich mehr und mehr als Hindernis bei der sozial-kulturellen Evolution: wenn wir als menschliche Spezies überleben wollen, müssen wir dieses inzwischen anachronistisch gewordene tierische Erbe über Bord werfen.

Wissenschaftlich-technische Entwicklung
Als ernstzunehmende Disziplin begann die Wissenschaft – und mit ihr im Gefolge die Technik – erst vor ca. 200 Jahren seit der frz. Revolution und dem Zeitalter der Aufklärung ihren globalen Siegeszug. Inzwischen durchdringt sie immer mehr Lebensbereiche, und diese Entwicklung erscheint inzwischen unumkehrbar.

Bemerkenswert: diese Entwicklung verläuft immer schneller. Sie hat paradoxerweise zu einer zusätzlichen Gruppenbildung geführt, nämlich von neuartigen unterschiedlichen Altersgruppen. Derzeit ist es typisch, dass die Jüngeren neue Entwicklungen sofort adaptieren und zu einem Teil ihres Lebens(stils) werden lassen, während schon Vertreter der mittleren Jahrgänge mitunter Probleme haben, da mitzuhalten. Viele der älteren Jahrgänge indes können oder wollen da gar nicht mehr mitmachen und klinken sich aus. Mitunter geht es so weit, dass sie bestimmte Dinge kaum noch oder gar nicht mehr verstehen. Dabei sollte doch der Nutzen technischer Innovationen jedem offenstehen…

Warum verlaufen soziale und technische Entwicklungen mit so bemerkenswert unterschiedlichen Geschwindigkeiten? Weil die wissenschaftliche-technische Entwicklung auf Wissen, die sozial-kulturelle bisher fast ausnahmlos auf Glauben beruht:

>Tatsachen vs Annahmen.

Unterschiedliche Grundlagen des Denkens - Meinungen vs. Tatsachen

Die religiösen Moralhüter verkünden ihre Wahrheiten – genauer: ihre Meinungen über gut und böse - einfach kraft ihrer Autorität und Willkür und fordern gehorsame Gefolgschaft ein von ihren Sympathisanten, die sie nach wie vor als ihre Sklaven ansehen. Traditionell gründen sie ihre Meinungen auf Annahmen oder gar puren Phantasien. Verifizierungen ihrer Verkündigungen dulden sie oft nicht. Sie behaupten seit der Antike ernsthaft, ihre Eingebungen seien „göttlich inspiriert“, und daher unfehl- und somit auch nicht hinterfragbar. Es genüge, so betonen sie immer wieder, dass man ihren Verkündigungen einfach glaubt – basta. Ihre Einlassungen seien geeignet, sämtliche Welträtsel lösen zu können, und zudem führe die strikte Befolgung ihres moralischen Regelwerkes dazu, dass am Ende das „Böse“ in der Welt besiegt sein würde.

Wissenschaftler wie auch Techniker hingegen arbeiten stets daran, den tatsächlichen Ursachen und Zusammenhängen von verschiedenen Dingen und Phänomenen auf den Grund zu kommen und ihre Wirkungsweisen zu verstehen. Die Grundlage ihrer Arbeit sind verifizierte und damit allgemeingültige Erkenntnisse von Naturgesetzen. Sie sind damit nicht beliebig und willkürlich - je nach Interessenlage - interpretierbar; ihre Verfizierung führt immer wieder zu denselben Ergebnissen.     

Die Arbeitsgrundlagen von Wissenschaft und Technik beruhen auf Tatsachen und nicht auf ungeprüften oder interessengeleiteten Meinungen. Deswegen sind die Entwicklungsergebnisse von Wissenschaftlern und Technikern in einem Maße solide und zuverlässig, welches man bei den Glaubensvertretern vergeblich sucht. Das macht ihre Erfolgsgeschichte im Kern aus, und niemand käme auf die Idee, ihre gesicherten Erkenntnisse ernsthaft in Frage stellen zu wollen.

So wurde beispielsweise der Elektromotor erst 1866 von Werner von Siemens erfunden. Seither sind Milliarden Elektromotoren gebaut worden, sie sind alle nach demselben Prinzip konstruiert und werden weltweit und tagtäglich genutzt – von den unterschiedlichsten Menschen unterschiedlichster Glaubensrichtungen. Niemand käme auf die Idee, ihr naturwissenschaftliches Grundprinzip anzuzweifeln. Dem Elektromotor liegt eine eindeutige, zuverlässige Gesetzmäßigkeit zugrunde, die allgemein gilt und auch ganz selbstverständlich von allen anerkannt wird.

Und genau das - die Zuverlässigkeit ihrer naturwissenschaftlicher Grundlagen erzeugt deren selbstverständliche globale Akzeptanz - ist das Erfolgsgeheimnis der technisch-wissenschaftlichen Entwicklung, ebenso wie ihre immer größere Beschleunigung.    

So ergibt sich im Umkehrschluss fast von selbst, dass die soziale/moralische Entwicklung der Menschen bisher nicht vorankommen konnte. Die Grundlagen der bisherigen, hauptsächlich religiös verankerten Morallehren sind weder eindeutig noch zuverlässig, weil sie auf Gruppeninteressen und unterschiedlichsten und vielfach gegensätzlichen Meinungen und Glaubenssätzen beruhen; ihnen ist gemeinsam, dass sie alle nicht naturwissenschaftlich begründet sind. Und daher fanden sie bisher auch keinen allgemeinen Konsens.

Falsche Binnenmoral und die Atombombe
Zu welchen abgründigen Verirrungen eine falsche Moral führen kann, ist an anderer Stelle schon beschrieben worden - die Kubakrise 1962 ist ein beunruhigendes Beispiel dafür. Die Menschheit war seinerzeit in nur noch zwei Gruppen gespalten - Ost und West. Wie üblich, war die eigene Gruppe die GUTE, die andere die BÖSE. Beinahe hätte der Versuch, die Bösen auf der jeweils anderen Seite endlich auszurotten, tatsächlich funktioniert - mit der geballten Kraft von jeweils 150-facher Overkill-Capacity wäre es beinahe gelungen...

Der eigentliche "Sündenfall" der Wissenschaftler und Techniker aber war die Entwicklung der Atombombe, mit den späteren Varianten Wasserstoff- und Neutronenbombe. Sie haben sich in diesem Fall von einer falschen Moral korrumpieren lassen. Dieses neuartige Vernichtungspotential kann dazu führen, in einem unbedachten Moment die gesamte Menschheit auszulöschen. Trotz Atomwaffensperrverträgen wird die Menschheit das Restrisiko ihrer totalen Auslöschung fortan nicht mehr los. Wissenschaftlich-technischer Fortschritt verwandelt sich in sein genaues Gegenteil, wenn er von einer falschen Moral korrumpiert wird.

Die Religionen als vermeintliche Moralinstanzen haben hier kläglich versagt - sie hatten diese Entwicklung kaum erkannt, geschweige denn verhindert. Sie hatten noch nicht einmal einen minimalen Einfluss darauf. Und eine säkulare, globale Moralinstanz ist bis heute nicht zu sehen. So besteht die Gefahr, dass sich im ungünstigen Fall irgendwelche Desparados bestehender Waffenarsenale bemächtigen und den Rest der Menschen damit erpressen könnten - so treiben die "Neandertaler" die "Astronauten" vor sich her - brave new world...

Aktuelle Gefahren der sozialen Unterentwicklung
"Jedes Ding hat zwei Seiten" sagt ein altes Sprichwort: der Mensch kann jedes Ding zum Guten oder Bösen verwenden. Wenn wir heute feststellen müssen, dass wir im sozialen Bereich Neandertaler geblieben sind, wird jeder weitere technische Fortschritt mehr und mehr zur sozialen Bedrohung.
Technisch-wissenschaftliche Neuentwicklungen, die eigentlich den Menschen helfen sollen, werden dann in der Hand von Steinzeit-Terroristen zu tödlichen Waffen. Die IS-Terroristen zeigen uns gerade, wie das funktioniert. Die hantieren mit modernen Kommunikationsmitteln und Waffen, um damit ihre steinzeitlichen Vorstellungen durchzusetzen. High-tech in den Händen von Neandertalern - das geht garantiert schief!
Ein weiteres Paradebeispiel für derartigen Missbrauch ist die Kernkraft; glaubte man zuerst, damit unsere Energieprobleme zu lösen, stellt man heute fest, dass dies ein Irrglaube war. Die Uranvorräte sind endlich, und für die Beseitigung des giftigen Atommülls gibt es bis heute keine akzeptable Lösung - wohl aber bereits Kosten in dreistelliger Milliardenhöhe.

Ein neuartiges Gefahrenpotential liegt inzwischen bei der Entwicklung von neuartigen Robotern für militärische Anwendungen. Hier ist bereits zu erkennen, dass diese Entwicklung nicht mehr zu stoppen ist. Die Entwickler kämen gar nicht auf die Idee, ihre Entwicklungstätigkeiten zu bremsen mit dem Hinweis auf ein unbeherrschbares Gefahrenpotential - ähnlich wie bei der Entwicklung der Atombombe.
Siehe hierzu auch den Beitrag >Menschen und Roboter:
http://reinhardt-graetz.de/index.php/aphorismen/gedankensplitter?showall=&start=15

Der naive blinde Glaube, dass wissenschaftlich-technischer Fortschritt aus sich heraus alle sozialen Probleme der Welt lösen könnte, ist noch sehr weit verbreitet. Inzwischen sind aber die ersten Zweifler aufgetaucht, die diese Auffassung grundsätzlich in Frage stellen:
http://www.sueddeutsche.de/digital/sxsw-festival-eine-rede-um-das-silicon-valley-in-die-sinnkrise-zu-stuerzen-1.2904368

In diesem Beitrag wird auch erwähnt, dass es angeblich bei den Soziologen bisher niemanden gäbe, der eine Idee hätte, wie ebenso der soziale Fortschritt beschleunigt werden könnte.

Globale Moralinstanz    
Wollte man diese Situation ändern, müsste man das Übel an der Wurzel packen und eine naturwissenschaftlich basierte Morallehre ausarbeiten. Ihre Grundlagen wären dann ähnlich solide, und damit hätte sie eher eine Chance, wie andere wissenschaftliche Erkenntnisse von allen Menschen akzeptiert zu werden.
Denkt man sich alle Gruppierungen vereint zu einer einzigen, globalen Menschheit mit ebenso nur einer einzigen Gruppenmoral, entfielen die – bislang immer eingebildeten – Gründe, ständig gegen die eigene Spezies (=gegen andere, „böse“ Gruppen) vorzugehen. Diese globale Gruppenmoral wäre das einigende und identitätsstiftende Band, welches die gesamte Menschheit in ihrem „globalen Dorf“ zusammenhielte. So etwas gibt es bisher nur ansatzweise, immerhin als eine vielversprechende Idee.

Tatsächlich gibt es eine Intitiative, die in genau diese Richtung zielt – es ist das „Projekt Weltethos“ des katholischen Dissidenten Hans Küng. Der ehemalige Studienkollege von Papst Benedikt XVI ist da kein Leichtgewicht: er hat sich die Mühe gemacht, aus allen wichtigen Weltreligionen die wesentlichen Gemeinsamkeiten ihrer Morallehren zusammenzufassen als eine globale Gemeinsamkeit, die von allen Menschen geteilt wird, und sie in einem gemeinsamen Projekt „Weltethos“ zusammengefasst. Zu dieser ersten Initiative dieser Art kam inzwischen ein Appell des Dalai Lama, der dieselbe Absicht verfolgt: er fordert eine Abkehr von den bisherigen Religionen und an deren Stelle eine allgemeingültige säkulare Ethik. Säkulare Ethik sei wichtiger als Religionen. (Literaturhinweis am Ende dieses Beitrags)

Säkulare Ethik
Dies könnte die Grundlage werden für eine weiterführende, naturwissenschaftlich untermauerte säkulare Ethik, die auch dann noch gültig wäre, wenn es keine Religionen mehr auf dieser Welt geben wird.   http://de.wikipedia.org/wiki/Weltethos  

Ein derartiger Zustand ohne Religionen erscheint uns aus heutiger Sicht zumindest utopisch, wenn nicht unrealistisch zu sein. Aber irgendwann werden sich die Menschen von ihren Religionen emanzipieren, und dann benötigen sie eine globale Moralinstanz, die an deren Stelle tritt. Diese Instanz benötigt genau die solide Grundlage, die den heutigen Religionen so abgeht – und sie kann nur auf naturwissenschaftlicher Basis gegründet sein, wenn sie eindeutig, verifizierbar, zuverlässig und damit auch von allen anerkannt sein soll. Dann kann auch kein Streit mehr darüber entstehen, ob diese Grundlagen „richtig“ oder „falsch“ sind.

Bei einer weltweit allgemein anerkannten Ethik entfielen auch die bisherigen Gründe dafür, ständig Kriege gegen die eigene Spezies Mensch zu führen. Vielleicht führte das sogar dazu, sämtliche Atomwaffenbestände der Welt wirksam zu vernichten...

Evolution und Fortschritt
Aktiv herbeigeführter Fortschritt schafft die Voraussetzung dafür, neue Freiheitsgrade zu nutzen.
Von Menschen herbeigeführter Fortschritt ist daher Teil der kulturellen Evolution; diese wiederum ist Teil der längerfristigen biologischen Evolution. Insofern sind auch die Religionen daran beteiligt, weil über diese Entwicklungsstufe die Idee der generellen Lebensverbesserung etabliert und damit die Grundlage für die Fortschrittsidee gelegt wurde. So erweisen sich die Religionen wie die Wissenschaften in der langfristigen historischen Rückschau als Evolutionselemente, die jeweils auf ihre Weise den menschlichen Fortschritt befördert haben. Wohin dieser Weg führen wird, ist allerdings völlig offen.

Evolutionsbeschleunigung?

Man könnte meinen, dass die Religionen die ersten waren, die versucht haben, der Natur menschliche (Moral-)vorstellungen aufzuzwingen - was natürlich schiefgehen musste. Aber - durch sie ist die Idee implementiert worden, dass generell Verbesserungen für die Menschen möglich sind, die sie selbst herbeiführen können. Die werden dann tatsächlich über die Wissenschaften erreicht.
Beispielsweise können die Menschen inzwischen fliegen. Über die normale biologische Entwicklungsgeschwindigkeit wäre für den Erwerb dieser Fähigkeit ein Vielfaches der tatsächlich benötigten Zeit draufgegangen. Vorausgesetzt, über die Wissenschaft würde es gelingen, auch eine globale Ethik zu etablieren, könnten auf dieser Basis noch ganz andere Ziele erreicht werden, ohne dass dadurch der Bestand der Menschen gefährdet würde.

Die biologische Evolution hätte sich dann deutlich beschleunigt und zugleich stabilisiert.

Säkulare, globale Ethik als Schlüssel
Ob es tatsächlich einen langfristigen und stabilen Fortschritt geben wird, hängt entscheidend davon ab, ob es uns gelingt, zu dem technischen Fortschritt eine adäquate moralisch-soziale Kompetenz hinzuzufügen, um verantwortlich damit umzugehen. Eine säkulare, globale Ethik würde einen entscheidenden Beitrag dazu leisten.