Reinhardt Graetz

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Menschen und Roboter


2085 und später - lassen Sie mich spekulieren:


Vielleicht stehen wir mit Beginn des 3. Jahrtausends tatsächlich an einem Scheideweg. Wir beobachten ein rapides Eindringen der Roboter in die Industriewelt, das Militär, in die Haushalte, ebenso in die Medizin- und Pflege-/Betreuungsberufe. Die Autokonzerne arbeiten derweil intensiv an selbststeuernden Fahrzeugen, bei denen der Mensch nur noch Passagier ist. Die Autoherstellung selbst ist bereits weitgehend roboterisiert. In ein paar Jahren werden derartige "Robomobile" - selbstfahrende Autos - zu den Selbstverständlichkeiten gehören. Im besten Fall können wir es uns im Auto bequem machen und uns einem Ziel entgegenfahren lassen - im schlimmsten Fall könnte der Mensch im Auto ein weitgehend unberechenbares Restrisiko sein...

Sinn und Unsinn
Natürlich gehen wir davon aus, dass die Roboter uns dienen sollen und nicht umgekehrt. Aber wer weiß schon so genau, wohin das alles noch führen könnte-? Wenn wir Roboter entwickeln, die selbstständig Entscheidungen treffen, selbstständig hinzulernen und auch noch viel mehr Daten verarbeiten können, als es ein menschliches Hirn jemals könnte - dann geben die Menschen ihre ureigensten Kompetenzen ab an undurchschaubare und unbeeinflussbare Algorithmen. Und das alles nur, um die bisherige Mühsal der menschlichen Existenz zu lindern. Wie das so ist mit allen Dingen - sie sind immer ambivalent. Man kann sie immer zum Guten wie auch zum Bösen verwenden. Bei aller Fortschrittseuphorie - seien wir auf der Hut, dass alte Mühsale nicht ungewollt durch die Hintertür durch schlimmere abgelöst werden...! Vielleicht ist es aber längst schon zu spät:
http://www.handelszeitung.ch/politik/warum-musk-und-hawking-vor-killerrobotern-warnen-818895

Parallel dazu beobachten wir das zunehmende Eindringen technischer Implantate in menschliche wie tierische Organismen.

Bio-Forscher haben vor kurzem in einem Pilotprojekt aus tierischen Stammzellen Frikadellen hergestellt. Die wurden von den Testpersonen ohne weiteres akzeptiert.
http://www.heise.de/tp/ebook/ebook_12.html

So machen wir vier besondere Schwerpunkte künftiger Entwicklungen aus:
- Roboter
- Technische Implantate bei Bio-Organismen
- Bio-Implantate bei Maschinen/Geräten
- Synthetische, neuartige Lebensformen
- künstliche Intelligenz/KI

Die Konsequenzen daraus:

1. Der bisherige Mensch
ist möglicherweise am "fin de siècle" der gegenwärtigen Entwicklung angekommen. Die technische Entwicklung liefert zwar immer noch Fortschritte, die Menschen nutzen sie aber immer mehr zu ihrem Schaden als zu ihrem Nutzen. Wir können fliegen, tauchen, uns weltweit in Echtzeit unterhalten - ok. Aber die Diskrepanz zur sozialen Entwicklung wird immer größer. So rasant der technische Fortschritt vorankommt, so schneckenartig langsam der soziale. Daraus werden noch sehr viel Spannungen und Gefahren erwachsen.

Was haben wir davon, Stunden mit Spielen an elektronischen Geräten zu verbringen? Oder mit gesenktem Haupt auf das smartphone konzentriert über die Straße zu laufen und prompt vom nächsten LKW oder oder einer U-Bahn erfasst zu werden? Die schlimmsten Raser im Straßenverkehr haben sich bereits selbst eliminiert - und immer mehr Terrorgruppen drangsalieren die noch friedlichen Menschen. Darwin lässt grüßen...! Wenn die Menschen nicht aufpassen, werden sie sich wegen der Enge auf der Erde und der überlieferten Kombination aus Aggressivität und Rechthaberei selbst eliminieren. Die dazu nötigen Ideologien sowie die atomare overkill capacity sind schon heute vorhanden.

2. Herkömmliche Roboter
werden zügig in alle Lebensbereiche eindringen und manche Lücken füllen, aber auch manche Menschen verdrängen. Die Arbeitswelt könnte innerhalb weniger Jahre total umgekrempelt werden.
So werden uns beispielsweise elektromobile Roboter selbstständig durch die Welt kutschieren, vielleicht sogar mit weniger Unfällen als heute, und die Anforderungen an unsere Fahrlizenzen werden sich entsprechend wandeln.
http://t3n.de/news/zukunft-arbeit-roboter-steuern-666473/?utm_content=buffer59cfe&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&
utm_campaign=buffer

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/arbeitsmarkt-der-zukunft-die-jobfresser-kommen-a-1105032.html 

http://t3n.de/news/amazon-packroboter-patent-795798/?utm_content=buffer9695f&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer

3. Hybridwesen
Heute noch schwer vorstellbar, aber es ist nur eine Frage der Zeit: zuerst im Militärwesen eingesetzt, werden sie Dinge vollführen, die über das heutige menschliche Leistungsvermögen weit hinausgehen. Es wird zunächst Roboter mit speziellen Bio-Implantaten geben und Menschen mit speziellen Technik-Implantaten. Implantate wird man auf eine neuartige Weise herstellen können:
http://www.handelsblatt.com/technologie/forschung-medizin/medizin/neue-bioimplantate-haut-und-knochen-aus-dem-drucker/11252836.html

4. Neue Spezies
Wenn die heutigen Menschen ungehemmt von allgemeinen Sicherheitsbedenken oder sonstigen Skrupeln weiter genau diese Superroboter zügig weiterentwickeln und ihnen dabei auch immer mehr Intelligenz und Kompetenzen übertragen, entsteht daraus irgenwann ganz zwangsläufig eine neue selbstständige Spezies - mit vielfach neuartigen Qualitäten. Sie wird herkömmliche menschliche Unzulänglichkeiten minimiert haben, dafür aber wieder eigene entwickeln. Sie wird unsere bislang vertrauten Fähigkeiten und Fertigkeiten bei weitem übertreffen. Diese Superroboter werden von Algorithmen gesteuert, die in einem geschlossenen System nicht mehr ohne weiteres für uns zugänglich sind. Vielleicht werden sie uns herkömmliche Menschen im weiteren Verlauf als lästigen Störfaktor ansehen und danach trachten, uns entweder in ihrem Sinne umzufunktionieren oder gleich ganz zu eliminieren... Vielleicht sind es ja diese Hybridwesen, die unser Erbe antreten...?

Werfen wir einen Blick in die Biologie: da gibt es Weichtiere, Insekten und Wirbeltiere. Weichtiere können nur im Wasser leben, Insekten und Wirbeltiere auch außerhalb des Wassers. Der Mensch als Wirbeltier hat inzwischen gelernt, sich an Land schneller als jedes andere Tier zu bewegen, zu schwimmen und zu fliegen; das gelingt ihm mit selbst ersonnenen Hilfsmitteln. Inzwischen ist er in den Weltraum vorgestoßen. Allen Hilfsmitteln, die er dabei benötigt, ist die Hartschalenstruktur gemeinsam - ganz ähnlich wie bei den Insekten.

Falls der Mensch als Spezies überleben sollte, bringt er als besonderes Plus genau diese äußere Hartschale in die Evolution ein - im Unterschied zu den Insekten aber als innenstabiles Wirbeltier. So finden wir nun die Konstruktion hart (Knochengerüst) - weich (Biomasse) - hart (Metallschale, bisher temporär), quasi als evolutionären Wegweiser. Und, wenn wir hier spekulieren wollten - eine zukünftige Unterspezies der Menschen könnte mit einer reduzierten, aber streng funktionsorientierten Biomasse deren bisherige Nachteile eliminieren.

Dass dieser Gedanke nicht so ganz abwegig ist, kann man von verschiedenen Richtungen her belegen: der Mensch hat merkwürdigerweise zu seinem Fahrzeug, Piloten zu ihrem Flugzeug und neuerdings auch als Smartphone-Benutzer für sein Kommunikationsgerät ein besonderes körpernahes Gefühl entwickelt.
Beim Fahrzeug bringt es der Beifahrer als "Störfaktor" an den Tag, wenn der mal Einwände vorbringt gegen Aktionen des Fahrers - der fühlt sich dann beinahe körperlich angegriffen, wobei er das Fahrzeug als eine Art Körpererweiterung empfindet. Viele Piloten haben das Gefühl, mit ihrem Flugzeug "eins" zu sein - und Smartphonebenutzer fühlen sich regelrecht amputiert, wenn sie mal eine Zeitlang auf ihr Gerät verzichten müssen. Diese Beobachtungen sind noch relativ neu und bisher noch kaum in das allgemeine Bewusstsein vorgedrungen. 

5. KI - künstliche Intelligenz
Die Grundidee: Robotern wird die Fähigkeit implementiert, selbstständig zu lernen. So ist die Grundlage für selbstständiges Agieren geschaffen. Über die ersten Schritte ist man da schon längst hinausgekommen. Spektakulär war bisher ein mehrfacher Sieg eines Computersystems über hochspezialisierte Menschen - bei einem Spiel namens Go:
http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/alphago-besiegt-lee-sedol-mit-4-zu-1-a-1082388.html

Der Kern der künstlichen Intelligenz liegt in ihrer Fähigkeit, selbstständig dazuzulernen und selbstständig Entscheidungen zu treffen. Dabei muss das System zunächst über eine Zielvorgabe verfügen, sowie über eine räumliche wie zeitliche Grundorganisation, um mit deren Hilfe dieses Ziel zu verfolgen und zuletzt erfüllen zu können. Höhere Systeme müssten demnach ihre Ziele selbstständig entwickeln und bei der Verfolgung ihrer Ziele verschiedene Kombinationen von Strategien entwickeln.
Das sind alles Dinge, die sich der Mensch in Millionen Jahren seiner biologischen Evolution selbst antrainiert hat - und welche er nun schrittweise an von ihm selbst kreierte technische Systeme weitergibt. Ähnlich wie die wissenschaftlich-technische Entwicklung beruht sie auf soliden naturgesetzlichen Grundlagen; somit ist auch vorauszusehen, dass die Entwicklung der KI eine ähnliche Geschwindigkeit erreichen wird, wie man sie derzeit generell bei der "technischen Evolution" beobachten kann.

Diese Überlegungen sind inzwischen  nicht mehr nur reine Gedankenspiele, sondern haben bereits konkrete Konturen angenommen. Die Konsequenzen der künstlichen Intelligent (KI) werden inzwischen in allerlei Symposien diskutiert. Die Zukunft holt uns schneller ein, als wir bisher wahrgenommen haben.
https://www.handelszeitung.ch/digital-switzerland/wir-brauchen-verkehrsregeln-fur-die-digitale-gesellschaft

Hat die KI erst einen bestimmten Reifegrad erreicht, wird man sie in alle biologisch-technischen Hybridsysteme implementieren. Damit wäre dann auch die Basis geschaffen für eine Reihe neuer humanoider Spezies.

Humanoide mit ausgelagerter Moral
Interessant ist die Frage, mit welcher Art von Moral man diese Spezies ausstatten wird. Rational betrachtet, ist ja immer das gesetzte Ziel/die zu erreichende Sollgröße "das Gute", die Verfehlung desselben "das Böse".  Wenn man nun den Fehler beginge, Gruppen von verschiedenen Robotern mit widersprüchlichen oder gar kontraproduktiven Zielsetzungen auszustatten, wäre Kriege zwischen ihnen früher oder später unvermeidlich, und man hätte als Menschheit - auch mit Hilfe von Robotern und KI - keinen wirklichen sozialen Fortschritt zu vermelden. Anders formuliert: die Menschen sollten aufpassen, dass sie nicht blind ihre sozialen Macken auf KI-Systeme übertragen - und zuletzt selbst zur Zielscheibe fehlgeleiteter Roboter werden...

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Yuval Noah Harari
Homo Deus





Einer der Wenigen, welcher sich Gedanken macht, wie es mit den Menschen weitergeht - sollten sie sich nicht zuvor in die Luft sprengen.
Stehen wir am Beginn einer neuen Spezies, die den Menschen von seiner bisherigen Rolle ablöst?