Reinhardt Graetz

Inhalt

Die Moral

>gut & böse<

Bei der Moral - und damit bei allen Religionen - geht es um gut und böse.

Bei allen Erkenntnissen - und damit bei allen Wissenschaften - geht es um wahr oder falsch/zutreffend oder nicht zutreffend.

Erst, seit die Menschen die Moral "erfunden" haben, gibt es für sie eine Bewertungsgrundlage für jedweden Gutbefund. Und erst auf dieser Grundlage können sie Unzulänglichkeiten wahrnehmen, und hieraus den Wunsch entwickeln, sie zu eliminieren und die Welt zu verbessern. Dieser Prozess wird nie an sein Ende kommen können; zu jedem Zustand ist immer auch noch ein besserer vorstellbar, nach dem Motto: das Bessere ist des Guten Feind. Es ist ähnlich wie bei der größten Zahl, die man ermitteln soll. Ein statischer Endzustand - die "ewige Seligkeit" - wird daher nie erreichbar sein.

Die Moral teilt die Menschen ein in Gute und Böse

WIR sind die Guten, die Anderen die Bösen
WIR gehören immer zu den GUTEN, die anderen (Fremde/Ausländer/Juden/Islamisten/Ungläubige/Kapitalisten...) dagegen immer zu den BÖSEN. Daher sind DIE auch IMMER an allem BÖSEN schuld. DESWEGEN müssen WIR das GUTE mit Brachialgewalt durchsetzen, damit die Welt nicht von den BÖSEN unterjocht/zerfressen/zersetzt/aufgelöst... wird. Dazu erfinden WIR die Kreuzzüge (den heiligen Krieg/die Rettung des Abendlandes/die Endlösung der Judenfrage/die Befreiung der Arbeiterklasse...) und müssen KÄMPFEN, immer gegen die anderen... So nimmt der Kampf um den Frieden am Ende solche Ausmaße an, dass zuletzt kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. 1962 hätte es beinahe geklappt (Kubakrise), bei dem finalen Atomschlag für das GUTE! Wäre es wirklich so gekommen, könnten Sie das hier nicht lesen...

Fall es dermaleinst endlich DOCH geklappt haben sollte, könnte sich mit ein bisschen Glück der danach abziehende Rauch zu einem Schriftzug formen: Das Gute & die Gerechtigkeit haben gesiegt!

Woher wissen wir, was gut oder böse ist?
Nach Shakespeare ist kein Ding an sich gut oder böse; erst die Gedanken machen es dazu.


Die menschliche Moralbrille
ist so ein menschliches Gedankenkonstrukt; es nutzt einen Polarisierungseffekt: von einem Ding oder Vorgang werden extrem gegensätzliche Aspekte betrachtet. Was wir daraufhin als gut oder böse bewerten, ist daher immer der menschlichen Willkür unterworfen.

Gut ist beispielsweise, was uns nützt, böse, was uns schadet. Allgemeiner: alles, was aufbaut, erscheint uns nützlich; was zerstört, schädlich. Aber so einfach ist es nicht: unsere Zellen beispielsweise sterben nach einiger Zeit ab, um neuen Platz zu machen. Sie dienen so der größeren Einheit, dem Gesamtorganismus; würden sie dagegen ungehemmt wachsen, würde das dem Organismus früher oder später schaden und ihn am Ende vorzeitig zerstören. Nicht in jedem Fall also ist Aufbau/Wachstum nützlich - es kann genausogut schädlich sein. Hemmungsloses Wachstum in einer endlichen Welt, die von Natur aus auf recycling ausgelegt ist, bringt daher am Ende Zerstörung in den gesamten Organismus hinein.

So ist es ebenso möglich, dass ein- und derselbe Vorgang völlig konträr bewertet werden kann. Ein kleines Beispiel möge dies illustrieren:

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Stellen wir uns zwei Frauen vor -
Beide können keine Kinder bekommen.
Je nach Erwartungshaltung und Interessenlage findet die eine Frau diese Tatsache sehr betrüblich, die andere recht befreiend.
Die eine wollte gern Kinder und ist nun tief enttäuscht; die andere wollte gar keine Kinder (mehr) und ist nun froh darüber, keine zu bekommen.

Das ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie unterschiedlich, ja völlig konträr Bewertungen ausfallen können.
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Dieses Beispiel steht für viele andere: es gilt nicht nur für einzelne Menschen, sondern genauso für jedwede Gruppierung. Jede Gruppe verfügt über ihre eigene Binnenmoral, die aus einer jeweils anderen Sicht derselben Dinge resultiert und daher zu unterschiedlichen Bewertungen führt. Das wiederum führt oft zu vielen Auseinanderstzungen bis hin zu Kriegen - von der Antike bis heute.


Die Moral im Wandel der Zeiten

Schamanen, Hexen: ...du musst!

Judentum, Islam: ...du sollst!

Christentum: ...du kannst!

Werbung: ...du darfst!

Versuche, Dich selbst zu erkennen, Deine Bedürfnisse und Vorlieben zu verstehen - so verstehst Du auch Deine Mitmenschen besser, und erst dann kannst Du Deinen eigenen Weg gehen. Erst die Erkenntnis unserer Unvollkommenheiten befähigt und motiviert uns, diesen Zustand in unserem Sinne zu verändern. Was wir als Unvollkommenheit wahrnehmen, ist zunächst Teil unserer Vorstellungswelt. Erst wenn ein Ding, ein Zustand oder Zusammenhang bewertet wird, entsteht daraus die Vorstellung einer besseren Alternative - und das Motiv, die Dinge nach unseren Vorstellungen zu ändern. Unsere Bedürfnisse sind nicht nur die Wahrnehmung von Unvollkommenheiten (oder die Vision größerer Vollkommenheiten), sondern auch die Grundlage unserer Kommunikation mit der Umwelt und unseren Mitmenschen. Wenn wir nicht mehr kommunizieren, sind wir mausetot.

Das "Gute" begreifen wir demnach als mehr Vollkommenheit: "Das Bessere ist des Guten Feind". Das Böse in der Welt lässt sich oft auf eine Kombination aus Aggressivität und Rechthaberei zurückführen. Mehr als auffällig: In Spanien war ein strenger Inquisitor stolz darauf, dass in seinem Zuständigkeitsbereich die Scheiterhaufen nicht ausgingen. In Himmlers KZs brannten die Öfen ebenso einige Jahre ohne Unterbrechung. Dann brannten Dresden, Hiroshima und Nagasaki. In Rostock - Lichtenberg brannte vor Jahren ein Asylantenheim. In Berlin brennen regelmäßig zum 1. Mai jeden Jahres Autos in den Straßen... Erst brennen die Gegenstände, dann die Menschen.

Wehret den Anfängen!

Binnenmoral

Der "Sündenfall" von Adam & Eva war die Erkenntnis der Moral.

Der Sündenfall der Kirche war die Inquisition.

Der Sündenfall der Wissenschaft ist die Atombombe.

Das Gute gegen die anderen erreichen zu wollen, macht uns zuletzt selbst böse.

Wenn eine Organisation von ihren Mitgliedern Kadavergehorsam/Korpsgeist verlangt, gehen die Interessen (=die Binnenmoral) der Organisation immer vor diejenigen der Mitglieder.

Bankräuber-Binnenmoral: der sieht den Besitz des Geldes als etwas Gutes an. Um an das Geld zu kommen, überfällt er eine Bank - und schadet damit anderen; die sagen dann zu Recht, er sei ein Bösewicht. Aber: er könnte die Bank auch durch Spekulationen und pure Gier schädigen - oder gleich selbst eine Bank gründen, frei nach Berthold Brecht - eine bad bank vielleicht...? Wo verlaufen hier die Grenzen zwischen gut und böse...?

Durch Kreuzzüge, "gerechte" oder "heilige" Kriege die bösen Feinde (mit aller Härte!) auszurotten - all' dies soll ja nur das Gute durchsetzen. Schade um die Toten - man nennt sie heutzutage "Kollateralschäden".

Die moralische Achillesferse:
D
er Mensch macht sich durch seine jeweilige Gruppen-Binnenmoral selbst zu seinem größten Feind.


Hans Küng hat versucht, mit seinem "Weltethos" - Ansatz dieses Dilemma zu überwinden: EINE weltweit verbindliche Moral für alle Menschen, die auch von allen akzeptiert würde. Dahinter steht die Idee der Nächstenliebe, der christliche Urimpuls. Durch diese Sichtweise wandelt sich mein ehemals böser Mitmensch zu meinem Bruder/meiner Schwester. "Gott ist Mensch geworden" - und so ist Gott/das Gute in jedem Menschen zu finden - die Kernaussage des Christentums. Genau deswegen feiern die Christen jedes Jahr ihr Weihnachtsfest.

Natürlich steckt in jedem Menschen das Potential sowohl für Gutes wie auch Böses. Beides sollte im Gleichgewicht sein; würde das Böse die Überhand gewinnen, zerstörte es zuletzt alle Menschen. Gäbe es nur das Gute, wie in mancher Utopie, verlören wir bald den Blick für mögliche Gefahren - und würden uns dadurch ebenfalls schaden.

Ein kurioses Beispiel dafür, wie Moralbewusstsein tatsächlich ganz willkürlich manipuliert werden kann, liefert uns die

Katholische Sexualmoral
Sie ist allgemein der untaugliche Versuch, der Natur menschliche Moralvorstellungen aufzwingen zu wollen. Die Initiatoren dieser Moral sind nicht so dumm, als dass sie das nicht wüssten. Hochmütiger und dünkelhafter geht es kaum! Wenn sie trotzdem bis heute auf ihren Vorstellungen beharren, bleibt nur eines übrig: Sie wollen so ihre Gläubigen über diese Moral beherrschen - im Klartext: Macht ausüben. Inzwischen durchschauen immer mehr Menschen diese Absicht und "sind verstimmt", frei nach Goethe - und treten einfach aus den Kirchen aus.

Konkret:
Sex vor der Ehe = "Todsünde
"
Sex während der Ehe = Verpflichtung
Sex in neuer Ehe = zurück zur "Todsünde" (bei wiederverheiratet Geschiedenen)

Durch eine spezielle Zeremonie wird der gleiche Vorgang von einer "Todsünde" zu einer Verpflichtung umfunktioniert, und damit der gleiche Sachverhalt - schwupps! - in sein Gegenteil umgewertet. Und für Geschiedene, die wieder geheiratet haben, soll Sex plötzlich wieder als "Todsünde" gelten - das Ganze noch einmal retour...! Auch hier wieder, wie auch vielfach andernorts: absurdes Theater statt "göttlicher Offenbarung"...
Der Klerus bewertet hier ganz offiziell - und ganz willkürlich - die gleichen Vorgänge höchst gegensätzlich. Die Grundlage dafür kommt aus entsprechenden Beschlüssen der Glaubenskongregation wie auch früherer Konzilien.

Zölibat: ein theoretisch sexloses Leben
Dass dies in der Praxis nicht funktioniert, wissen alle Beteiligten: bei den Gläubigen soll so bei jeder "Übertretung" ein schlechtes Gewissen erzeugt werden. Funktioniert zuverlässig immer dann, wenn man die Hürden nur hoch genug setzt. So kann man die Sklaven am besten gängeln. Über die Kollateralschäden dieser Binnenmoral konnte man in letzter Zeit überall ausführliche Berichte lesen:

Missbrauchsfälle bei Kindern
Sie wurden jahrzehntelang vertuscht, nur um das Renomée der Organisation zu retten. Die Interessen der Opfer waren da jahrzehntelang zweitrangig.

Heimliche Partnerschaften und deren Nachwuchs
Als Folge des Zölibats: Kollateralschäden, die unvermeidlich erzeugt wurden, um die Macht der Organisation zu festigen.

Persönlichkeitsdeformationen
Die weniger spektakulären Kollateralschäden dieser Binnenmoral werden neuerdings von wissenschaftlich ausgebildeten Psychosomatikern behandelt. Die dürfen dann die derart verbogenen Persönlichkeiten wieder geraderücken.

Umgang mit Homosexuellen und Frauen
Der Umgang mit sexuell von der Mehrheit abweichend orientierten Randgruppen, oder generell der den Frauen eingeräumte Status sind weitere Beispiele für die speziell katholische Binnenmoral. Neuerdings wurden hierzu heftige Fallbeispiele für den rigorosen Umgang der katholischen Kirche mit betroffenen Menschen in Holland bekannt.
 
Kirchlicher Machtanspruch bestimmt ihre Binnenmoral
Die Kirche tut so, als könnte sie der Natur ihre Moralvorstellungen aufzwingen. Tatsächlich will sie Dir befehlen, was Du tun und lassen sollst - Du sollst es glauben und immer gehorchen: Fremdbestimmung geht vor Eigenbestimmung! Die Interessen der Organisation haben vor den Interessen des Einzelnen immer Vorrang. Nur so konnte die antike Sklavenhaltergesellschaft jahrhundertelang fortgeschrieben werden.

Aber. das Moralbewusstsein ist inzwischen bei den Menschen angekommen - die jahrhundertelangen Bemühungen der Religionen tragen ihre Früchte. Das zeigt sich darin, dass sich die Kirchenorganisationen inzwischen mit ihren eigenen Moralvorstellungen konfrontiert sehen - und dadurch mitunter eine fatale Doppelmoral sichtbar wird. Ganz ähnlich, wie bei ihren säkularen Ablegern: bei denen hatte "die Partei" immer Recht - genauso, wie der Papst "unfehlbar" sein soll.

Vor "Gott" / im "Sozialismus" sind alle Menschen gleich. Bis auf die "Gleicheren", die immer noch meinen, sie könnten sich kraft eigener Selbstherrlichkeit ihren eigenen Regeln entziehen...

Auf deutsch nennt man so etwas klerikale Diktatur.