Reinhardt Graetz

Inhalt

Vom Unsinn des „wahren" Glaubens

Glauben ist weder wahr noch falsch

Religion gilt den Dummen als wahr, den Weisen als falsch und den Mächtigen als nützlich.
Seneca

 

"Wahrer Glauben" - ein kompletter Nonsens
Wenn ich irgendetwas glaube, dann nehme ich nur an/vermute, es war so, ist so oder wird so sein. Ob die Vermutungen stimmen, kann ich nicht wissen, solange ich sie nicht überprüfe – deswegen glaube ich sie ja erst einmal, ersatzweise. Wenn es aber bei den Vermutungen/dem Glauben bleiben soll, wird nie etwas überprüft – und ich kann dann gar nicht wissen, ob die Glaubensvermutungen wahr oder falsch sind - "innere Überzeugung" hin oder her.

Ergo kann es weder einen „wahren“ noch einen „falschen“ Glauben geben. Und daher ist es auch komplett unsinnig, einen „wahren Glauben" verteidigen zu wollen. Andersherum: wenn nun irgendein Glauben überprüft wurde, kann ich sehr wohl beurteilen, ob seine Postulate stimmen oder nicht. Danach aber ist er kein Glaube mehr, sondern Bestandteil des allgemeinen Wissens geworden.

Genauso ging es dem früheren „wahren“ Glauben, die Erde sei eine Scheibe - als ein Beispiel von vielen.
Der Begriff "wahrer Glauben" dient offenkundig nur als Mittel zum Zweck - es ist eine Floskel, um Leichtgläubige zu konditionieren und, wenn es opportun erscheint, sie zu polarisieren und gegeneinander aufzuhetzen.

Kämpfen und siegen für den "wahren Glauben"
Seit altersher zogen Menschen heerscharenweise gegeneinander los, um für den Sieg des „wahren Glaubens“ zu kämpfen. Dass sie dabei von vornherein auf verlorenem Posten standen, ist ihnen niemals klargeworden. Sie waren – und sind bis heute – davon überzeugt, einer „guten“ Sache zum Siege zu verhelfen. Die meisten erwischte es bald darauf beim Kampfgetümmel; keine Seite hat bei diesem schändlichen Treiben je einen dauerhaften Sieg davongetragen. Dieses Verhalten ist keineswegs überholt; was früher bei den Kreuzzügen abging, wiederholt sich heute bei den Selbstmordattentätern und den IS-Milizen. Lässt man das Geschehen der letzten paar Jahrtausende Revue passieren, kann man leicht zu dem Schluss kommen, dass die Menschen an einem bestimmten Punkt ihrer Evolution stehengeblieben sind.

Häufig geht es um einen „wahren Glauben“, oder einfach um ein ganz gewöhnliches Gruppenego; das wird manchmal durch eine bestimmte säkulare Ideologie verstärkt („Nation“, „Sozialismus“, …). Inzwischen gibt es weltweit private Kampfgruppen, die für das Ego irgendeines war lords kämpfen – nicht anders als in der Steinzeit. Wie das zugeht, kann man in jedem guten Tierfilm beobachten: die „Alphatiere“ krachen mit ihren Hörnern oder Geweihen aufeinander, bis eines gewonnen und das andere verloren hat. Der Sieger umgibt sich dann mit einer Gloriole, seiner Herde und zieht stolz erhobenen Hauptes vom Kampfplatz. Bei den Menschen wird dies häufig noch akustisch untermalt durch eine Militärkapelle und einer groß aufgezogenen Siegesparade.
Nach 70 Jahren Frieden in der EU wird es so manchem Kampfhahn langweilig und er spürt Unruhe in den Knochen: geht da nicht doch noch was…!? Das tierische Erbe lässt grüßen!

...denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh.
Prediger Salomo, 3. 19

Der „wahre Glauben“, wir ahnen es, dient eigentlich nur dazu, die Herde hinter ihrem Führer zu versammeln: „Führer befiehl, wir folgen…!“ Die anderen, die das nicht tun, werden dann ganz automatisch zu Feinden, und die muss man dann bekämpfen – so einfach ist das.

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Ausgerechnet in der Bibel finden wir dazu auch noch eine Betriebsanleitung – zwar verklausuliert, nur für die Herrschaftskaste gedacht, aber doch recht eindeutig:

"Und es ging heraus ein anderes Pferd, das war rot. Und dem, der darauf saß, ward gegeben, den Frieden zu nehmen von der Erde und dass sie sich untereinander erwürgten; und ward ihm ein großes Schwert gegeben."

Offenbarung 6, 4


Diese Symbolik bedeutet:

Ein Pferd war in der Antike die stärkste physische Antriebskraft.
Nach heutigem Sprachgebrauch ist - im übertragenen Sinne - eine Antriebskraft ein Motiv.

Ein Reiter (=Pferdeführer) lenkt das Pferd zu seinem Ziel:
Er beeinflusst die Motive seiner Gefolgschaft in seinem Sinne.

"divide et impera" - teile und herrsche. "Zwietracht" (=Polarisierung) soll erst erst geschürt und dann von der Herrschaftskaste zu ihrem Machtgewinn genutzt werden.

Im Klartext:
Wenn ein Herrscher bestimmte Gruppen gegeneinander aufhetzt, indem er ihre Meinungen gezielt polarisiert und dabei zusätzlich das Motiv "Aggressivität" schürt, erwächst ihm daraus eine beträchtliche Macht (=das Schwert).
Die eine Gruppe sind dann die "wahren Gläubigen", die andere die "Ungläubigen".
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Glauben beruht immer auf Ungewissheiten,
mit der ständigen Option auf unbegrenzt viele Irrtümer. "Wahrer" Glauben ist damit ein Widerspruch in sich selbst: Glauben ist immer unbewiesen, und daher kann er weder wahr noch falsch sein.

Bereits die Buddhisten sind daher weitgehend vom Glauben als Denk- und Verhaltensgrundlage abgerückt.
Buddha riet den Menschen:

Glaube nichts, weil ein Weiser es gesagt hat.
Glaube nichts, weil alle es glauben.
Glaube nichts, weil es geschrieben steht.
Glaube nichts, weil es als heilig gilt.
Glaube nichts, weil ein anderer es glaubt.
Glaube nur das, was Du selbst als wahr erkannt hast.


Der letzte Satz sollte aber besser lauten:
Glaube nur das, was sich als zutreffend erwiesen hat.

Denn dann weißt du es - und musst es nicht mehr glauben.

Übrigens - Götter sind immer allwissend, niemals allgläubig...!