Reinhardt Graetz

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Die Bedeutung der Bibeltextsymbolik


1229: Bibel-Leseverbot -für ca. 300 Jahre!

Kurioserweise wurde 1229 durch das Konzil von Valencia die Bibellektüre dem gemeinen Volk für die nächsten 300 Jahre verboten. Erst die Bibelübersetzung Luthers 1522 machte diesem Verbot de facto ein Ende - nun lag ja eine deutsche Übersetzung vor. Abgesehen davon, dass zu dieser Zeit die meisten Menschen Analphabeten waren, gab es ja bis dahin nur einige wenige, die in der Lage waren, die lateinischen Originaltexte zu lesen und auch zu verstehen. Trotzdem - dieses Leseverbot ist kurios genug: war es nur die Sorge vor Fehlinterpretationen, die das Konzil damals umtrieb, oder die Angst, dass beim Lesen dieser Texte unüberbrückbare Widersprüche und andere Unmöglichkeiten entdeckt werden könnten? Oder war es nur ein ganz gewöhnlicher Trick: das, was verboten ist, erscheint besonders interessant?
Denn: eigentlich waren ja diese Geschichten extra dazu erfunden worden, dass sie unter das gemeine Volk verstreut werden sollten; ein Leseverbot wäre dazu völlig widersinnig.

Eine Antwort auf diese Fragen gab es erst viel später, im Jahre 1930. Da entspann sich ein interessanter Disput zwischen dem damaligen Erzbischof von Paris, Jean Verdier, und Papst Pius XII - genau zu diesem Thema. Einige Kleriker stießen sich wohl an so mancher Unlogik und Unmöglichkeit der Geschichten gerade in den ersten Bibelkapiteln. Das veranlasste Papst Pius XII zu einer Stellungnahme - wie üblich in solchen Fällen über eine einschlägige Enzyklika. Die nannte er hier "Humani generis". Hierbei gingen alle Beteiligten davon aus, diese Texte ihrer wortwörtlichen Bedeutung nach zu verstehen.

Ein Auszug hieraus:
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Wie in den biologischen und anthropologischen Fachgebieten, so überschreiten auch in den historischen [Fachgebieten] einige verwegen die von der Kirche festgelegten Grenzen und Vorsichtsmaßregeln. Besonders beklagenswert ist eine gewisse allzu freie Art und Weise in der Auslegung der geschichtlichen Bücher des Alten Testamentes. Um ihre Gründe zu verteidigen, berufen sich deren Begünstiger zu Unrecht auf ein Schreiben, das vor nicht langer Zeit von der Päpstlichen Bibelkommission an den Erzbischof von Paris gerichtet wurde.     
Dieses Schreiben mahnt nämlich ausdrücklich, dass die ersten elf Kapitel der Genesis – wenn sie auch eigentlich nicht derjenigen Art und Weise der Geschichtsschreibung entsprechen, wie sie von den hervorragendsten griechischen und lateinischen Schriftstellern, und auch von den Fachgelehrten unseres Zeitalters angewendet wurde – nichtsdestoweniger in einem ganz wahren Sinn, der von den Exegeten noch weiter zu erforschen und zu erklären ist, zur Gattung der geschichtlichen Darstellung gehören. Die gleichen Kapitel, so heißt es weiter, berichten in einer einfachen und bildhaften, der Denkart eines wenig gebildeten Volkes angepassten Sprache einerseits die Hauptwahrheiten, die für die Erlangung unseres Heiles von grundlegender Bedeutung sind; andererseits geben sie aber auch einen volkstümlichen Bericht vom Ursprung des Menschengeschlechtes und des auserwählten Volkes.“ 
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Denn die Christgläubigen können sich nicht einer Meinung anschließen, deren Anhänger entweder behaupten, dass es entweder nach [oder vor] Adam hier auf Erden wirkliche Menschen gegeben habe, welche nicht von ihm, als dem Stammvater aller, auf dem Weg der natürlichen Zeugung abstammen; oder aber, dass „Mann“ eine Menge von Stammvätern bezeichne. Denn es wird auf keine Weise klar, wie eine derartige Ansicht in Übereinstimmung gebracht werden könnte mit dem, was die Quellen der geoffenbarten Wahrheit und die Akten des Lehramtes der Kirche über die »Erbsünde« sagen: dass dieselbe aus der wirklich begangenen Sünde des einen Adam hervorgeht, und dass sie durch die Geburt auf alle überging, und jedem einzelnen innewohnt und zu eigen ist.
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Im Klartext:

1. Papst Pius XII vermutete eine geschichtliche Botschaft hinter dem "gewöhnlichen" Bibeltext -
    die ist aber vorerst verborgen und müsste erst von den Exegeten "weiter erforscht" werden.
2. Genau dies hält er aber gleichzeitig für zu riskant - das Erbsündedogma würde dadurch gefährdet.

    Demnach hat das Erbsünde-Dogma im Glaubensgebäude der katholischen Dogmenschmiede
    einen sehr hohen Stellenwert.   
   
Die Geschichten vom "Sündenfall" mitsamt der später hinzugefügten "Erbsünde" gehören offenkundig
    zur Geschäftsgrundlage der katholischen Kirche, und die wollte Papst Pius XII nicht ohne Not
    gefährden. Deren Erhalt war ihm offenbar wichtiger als die mögliche Aufdeckung historischer Überlieferungen.

Und so pfiff er seine Kleriker flugs zurück. Eine möglicherweise interessante Forschungsarbeit wurde damit abgeblasen.
Für die gemeinen Schäflein gilt bis heute: die Bibeltexte sollen ihrer wortwörtlichen Bedeutung nach verstanden werden.

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In Kontext hierzu steht ein erst am 1. November 1950 ! erlassenes Glaubensdogma:

Munificentissimus Deus
ist der Titel einer Apostolischen Konstitution, mit der Papst Pius XII. am 1. November 1950 das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel bekanntgab.

„Wir verkünden, erklären und definieren es als einen von Gott geoffenbarten Glaubenssatz, dass die makellose Gottesmutter, die allzeit reine Jungfrau Maria, nach Vollendung ihrer irdischen Lebensbahn mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.“

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Eine körperliche Aufnahme kann nur in einen körperlichen Himmel hinein erfolgen. Den kennen wir als den Himmel (engl. sky) mit Weltall, Sonne, Mond und Sternen - und dem luftleeren Raum, in dem Leben wie auf der Erde unmöglich ist. Welchen Sinn die Überführung einer Leiche in den luftleeren Raum als Glaubenssatz haben soll, wird von den Klerikern allerdings nicht näher erläutert. Ebensowenig, welcher technischer Hilfsmittel sich die antiken Überführer in welchem Jahr bedient haben sollen...

Im Gegensatz dazu befindet sich der imaginative Himmel (engl. heaven), der eine ausschließlich symbolische Bedeutung hat - der aber befindet sich nur in der menschlichen Vorstellungswelt. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, die ganze Überführungsgeschichte nur diesem Himmel zuzuordnen. Aber dann hätten sich die Dogmenschmiede mit der Überführung von Mutter Marias Seele begnügen müssen - eine real existiert haben sollende Leiche in die nichtgegenständliche menschliche Vorstellungswelt zu überführen, hätte sich vermutlich ziemlich schwierig gestaltet.

Aber das wäre dann nicht unser Problem...



Ein biblischer Autor namens Markus hingegen weist uns überdeutlich darauf hin, dass wir doch bitte die Symbolik verstehen lernen sollten - hier "Gleichnisse" genannt.

Er legte Jesus Christus folgenden Satz in den Mund:

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Und Jesus sprach zu ihnen:
… denen aber draußen widerfährt … alles nur durch Gleichnisse, auf dass sie es … sehen … und … hören,
und doch nicht verstehen.

Markus 4, 11-12
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Das klingt wie ein Stoßseufzer von Markus, dem Evangelisten (oder wer auch immer im Original für diesen Text verantwortlich war) - hier haben die biblischen Autoren ihrem Unmut mal freien Lauf gelassen. Diese Worte legten sie immerhin Jesus Christus in den Mund!

Das würde sich heutzutage im gewöhnlichen Deutsch vielleicht so anhören:

...da gibt man sich nun jede Mühe, dem gemeinen Volk unsere Botschaften mit Hilfe verschiedener Gleichnisse (Symbolik/Metaphorik) nahezubringen - aber die stellen sich so doof an, dass sie trotzdem nicht kapieren, was damit gemeint ist.

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Das Stilkonzept
Alle wichtigen Geschichten der Bibel, aber auch des Korans sollte man deswegen als eine Übersetzung von einem ursprünglichen "Klartext" in einen Text "bildhaft/Symbolik" auffassen. (Die jüdische Thora ist dabei identisch mit dem christlichen "Alten Testament" der Bibel). Die eigentliche Botschaft der Autoren erschließt sich uns daher erst, wenn man diese Bildersprache rückübersetzt in den ursprünglichen Klartext, der oft nichtgegenständliche (=abstrakte) Begriffe und Zusammenhänge enthält. Die Schlüssel für die Bedeutung der verwendeten Symbolik haben uns die biblischen Autoren übrigens gleich beigelegt; sie sind in den meisten Fällen mit in den Texten enthalten. Die verwendeten Symbole haben jeweils eine bestimmte Bedeutung; daher wäre es töricht, sie willkürlich mal so und mal anders zu deuten.

Doppelspurig
Der "plot" der Bibel ist also "doppelspurig" angelegt: die bildhaften, nach ihrem wörtlichen Sinn zu interpretierenden Geschichten - gleichsam an der Oberfläche - dien(t)en der Konditionierung der analphabetischen Sklaven, die Bedeutung der Symbolik "hinter" manchen der Geschichten der Herrschaftskaste als Instrumentarium zur Machtausübung.
Die für uns interessantere Bedeutung der Bibeltexte enthüllt sich also erst, wenn man deren Symbolik im Sinne der Autoren entschlüsselt und dadurch zu ihrer eigentlichen Botschaft vordringt.

Biblische Geschichten: nicht "irgendein" Märchen, sondern...
...offenkundig ein ganz bestimmtes. Kardinal Gerhard L. Müller, der oberste vatikanische Glaubenshüter, hat durchaus Recht, wenn er meint, dass die "biblische Geschichte" nicht "irgendein Märchen" sei - sondern, so sollte man da ergänzen, offenbar ein ganz bestimmtes, welches extra von den biblischen Autoren in Umlauf gebracht wurde, um damit die gläubigen Sklaven zu konditionieren.* Traditionsgemäß werden ja diese Märchen bereits den Kindern im Religionsunterricht erzählt - aber, so Kardinal Müller, den Glauben daran zu übermitteln, "das ist heute schwierig".

In einer Welt, die inzwischen von Wissen dominiert wird, immer noch dieselben antiken Märchen zu verbreiten, um die "Schäflein" damit zu konditionieren - das muss sich zwangsläufig zu einem immer schwieriger werdenden Geschäft auswachsen.

Andererseits sind alle Bemühungen, diese Texte möglichst originalgetreu für die Nachwelt zu bewahren, durchaus löblich - so bleibt uns ein wertvolles Kulturerbe unverfälscht erhalten.

*Interview mit Kardinal Gerhard Müller vom 17. März 2014 im "Wiesbadener Kurier", Seite 2