Reinhardt Graetz

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Kirchenkrise

Abstimmung mit den Füßen - oder: das Ende ist nahe

Fast 2 000 Jahre hat die Kirche auf dem Buckel. Inzwischen laufen ihr scharenweise die Gläubigen davon. Es ist wie beim Ende der DDR: "Abstimmung mit den Füßen"! Die Ehemaligen wollen nicht mehr glauben, worauf sie die Kirche mit ihren Glaubensdogmen festlegen will - noch dazu, wenn sie auch noch darauf beharrt, die Bibeltexte wörtlich nehmen zu sollen. Die erweisen sich schon nach kurzer Durchsicht als freie Erfindung antiker Autoren.
http://www.welt.de/regionales/niedersachsen/article133834225/Katholische-Kirche-auf-massivem-Schrumpfkurs.html

Moralischer Anspruch - Theorie und Praxis
Ihrem eigenen moralischen Anspruch ist sie nie gerecht geworden; im Zweifelsfall gingen die Interessen der Organisation immer vor die Interessen der Schutzbedürftigen. Das schlechte Gewissen, ihre Gläubigen von Anfang an getäuscht zu haben, ließ sie überall misstrauisch werden; daher vermutete sie ebenso seit Anfang an hinter jeder Ecke böse Feinde; die heißen bei ihr "Häretiker". Daraus muss man schließen, dass sie offenbar ihrer eigenen "frohen Botschaft", auch Pfingstbotschaft genannt, nicht genügend Überzeugungskraft zutraut.

Mit einer neuen Idee, hier: der Nächstenliebe, könnte man durchaus sehr erfolgreich auf Werbetour gehen, wenn diese Idee den Menschen so attraktiv erschiene, dass sie von ihr sofort überzeugt wären. Werbung eben - Verlockung, Verführung durch Attraktivität. Aber - die Kirchenfürsten waren vermutlich selbst von massiven Zweifeln umgetrieben von dem, was sie da verkündeten, so dass ihnen nichts Besseres einfiel als diese Ideen ausgerechnet mit Zwang und Gewalt zu verbreiten - mit Kreuzzügen, unheiliger Inquisition und Dogmenerstarrung. Wie in vorchristlichen Zeiten, als die Nächstenliebe noch nicht erfunden war: das genaue Gegenteil der "frohen Botschaft"! Zwang und Druck vs. Verlockung und Attraktivität - männliches gegen weibliches Prinzip. In der Kirchenhierarchie haben Frauen bei der Altherrenriege immer noch nicht viel verloren, bis heute - wen wundert's?

Die international bekanntgewordenen Missbrauchsfälle bringen nun das Fass zum Überlaufen, nachdem ihre Willkürjustiz (Inquisition: Folter und Hexenverbrennungen), Reformunwillen (30-jähriger Krieg), Eroberungsfeldzüge (Kreuzzüge, Conquista), Unterstützung zahlreicher Diktaturen (Franco, ...) und generelle Wissenschaftsfeindlichkeit (Giordano Bruno) dafür den Weg gründlich vorbereitet haben. Gegen Kritik und mögliche Erneuerung erfand sie die "göttliche Offenbarung", die "göttliche Weltordnung", ihre zahllosen Dogmen (keiner weiß genau, wie viele es eigentlich gibt!) und seit 1870 die "Unfehlbarkeit" des Papstes; gleichzeitig stellte sie ihre Gläubigen nicht nur unter Generalverdacht, sondern mit dem Dogma der "Erbsünde" gleich unter eine generelle Vorverurteilung: Du bist schuld von Geburt an, obwohl du noch gar nichts ausgefressen haben kannst. Eine Begründung für diesen hausgemachten Nonsens findet sich noch nicht mal in der Bibel.

Starrsinn in Paragraphen gegossen; im Kern geht es ihr nur um die Macht. Die bisher Gläubigen fragen sich daher zu Recht, weswegen sie sich diese Zumutungen noch länger antun sollen. Insider prophezeien den Kirchen daher das nahe Ende - in Deutschland spätestens in 20 Jahren, meinen ausgerechnet die ultrakonservativen Piusbrüder! Hans Küng, der katholische Dissident, kommt nach seiner Analyse zu einem ähnlichen Resultat. Die Rückwärtsgewandtheit von Papst Benedikt - wie sich erneut bei seinem letzten Deutschland - Besuch zeigte - wird diesen Effekt noch beschleunigen. Die Moderne - die Wissensgesellschaft - hat die alte Glaubensgesellschaft längst abgelöst. Vieles spricht dafür: das Verfallsdatum der römischen Kirche ist längst abgelaufen. Auch das können und wollen sie nicht begreifen. Und ob der neue Papst Franziskus daran noch viel ändern kann, wird sich zeigen.

Zu der Glaubenskrise - nur noch eine immer kleiner werdende Minderheit glaubt an die Dogmen, was Umfragen schon seit längerem bestätigen - gesellt sich eine Glaubwürdigkeitskrise: Kann man einer Institution vertrauen, die über Jahrhunderte das Gegenteil tat von dem, was sie als ihre Zielsetzungen vorgab? Und deren Glaubenspostulate sich immer mehr als völlig irrational und daher wertlos erweisen?
Was bleibt, ist die Quintessenz des moralischen Anspruchs - wie auch ähnlicher Ansprüche anderer Religionen. Die hat Hans Küng in seinem Projekt "Weltethos" aufgegriffen und versucht, sie weltweit als einen verbindlichen Moralstandard zu etablieren, ähnlich wie die UN - Charta der Menschenrechte. Neu ist, dass die Kirchenorganisation und ihre Protagonisten heutzutage mit den gleichen moralischen Maßstäben gemessen werden, welche die Kirche in der Vergangenheit stets nur an einzelne Menschen gelegt hatte. Was zeigt, dass das Moralbewusstsein inzwischen tatsächlich bei den Menschen angekommen ist.

Was noch bleibt: die kulturelle Spur eindrucksvoller Bauten (Petersdom, Kölner Dom, Kathedralen von Chartres, Reims ...) und viele Werke der Kirchenmusik. Sie waren ja gemäß einem Ausspruch von Papst Nikolaus V. ursprünglich dazu erdacht, beim gemeinen Volk Eindruck zu schinden und dessen "schwachen Glauben zu stärken".

Zur "Unfehlbarkeit" päpstlicher Verlautbarungen
Es erscheint unvermeidlich, dass mit steigender Anzahl derartiger Verlautbarungen auch deren Potential an Widersprüchen zunehmen muss. Irgendwann einmal wird man da an einem Punkt ankommen, an dem diese Widersprüche nicht mehr auflösbar sein werden. "Unfehlbarkeit" ist aber mit Widersprüchen unvereinbar; sie wird daher auf Dauer keinen Bestand haben. Glaubwürdiger werden die Dogmen und Enzykliken ohnehin nicht, indem man ihnen das Etikett "unfehlbar" aufklebt...
Überzeugungskraft aber geht von Glaubwürdigkeit aus, nicht von deren Gegenteil.

Es ist alles eine Frage der Zeit. Sie wird für die Wahrheit arbeiten - letztendlich zählen nur Fakten.

Info Kirchenaustritte
http://www.kirchenaustritt.de/statistik