Reinhardt Graetz

Inhalt

Kulturvielfalt

Schlachten und Abschlachten


Schlachten und Abschlachten galt jahrtausendelang als besondere Tugend, überall auf der Welt. "Die Welt als Wille und Schlachthof" könnte ein Philosoph getitelt haben, hätte er seine Abhandlungen diesem Thema gewidmet.
Der Sinn des Lebens wäre demnach Meucheln, Morden & Abschlachten der lieben - pardon, der bösen - Mitmenschen, wie beim Metzger, und darauf auch noch stolz zu sein: Tatort Schlachtfeld. Schlachtfeld als eine Art erweiterter Open-Air-Schlachthof.

Manche nennen das Kultur.


Wenigstens unsere Vorfahren mussten daher auch über Generationen brav die Daten von "berühmten" und "bedeutenden" Schlachtfeld-Herren auf den Schlachtfeldern auswendig lernen. Denn nur wer beim Dahinmetzgern seiner Zeitgenossen auf den Feldern des Gemetzels vorbildlich hohe Metzelergebnisse aufweisen konnte, dem stand Ehre & Ruhm zu, und das Gedenken an ihn wurde dann in eine kleine Steintafel gehauen, sozusagen "in den Granit der Ewigkeit gemeißelt".

Was eigenartigerweise nie in Mode kam, war das Längsaufschneiden und reihenweise an-den-Haken-Hängen der soeben Dahingemetzelten, ähnlich wie die Schweinehälften beim Metzger, sozusagen als Schlacht- & Metzel-Leistungsnachweis.
Andererseits erfreute sich eine Zeitlang öffentliches Grillen bei lebendigem Leibe außerordentlicher Beliebtheit. Besonders weibliche Personen wurden dabei bevorzugt, und so wurde dieser Brauch zu einem unverzichtbaren Bestandteil abendländischer Leitkultur.
Es sollte uns daher kaum erstaunen, dass weitere Varianten dieser Kulturvielfalt in Mode kamen, wie beispielsweise Vergasen in Hochleistungs-Vergasungsanstalten bei gleichzeitig fein säuberlichem Sortieren von Kleider- und Zahnresten oder, ganz aktuell, das rituelle Enthaupten und öffentliche Zurschaustellen der toten Köpfe als Trophäen in weltweiten Netzwerken.

Vielversprechende Labor-Großversuche in Japan schon im letzten Jahrhundert zur Abschlacht-Effizienzsteigerung lassen indes einen deutlichen Anstieg der Meuchelrate und demnach eine weitere Bereicherung der Kulturvielfalt erwarten, wurden aber bislang nicht weiter verfolgt.

Was eindrucksvoll zeigt: ohne ihre Kultur hätten die Menschen nichts Menschliches mehr und würden den Tieren gleichen.

Die Motive
für diese Schlachtorgien liefern sich die Menschen selbst, schon seit Jahrtausenden. Sie nennen sie "Religionen". Für den "wahren Glauben" und wegen der bösen Ungläubigen sollen sie sich bis heute ihre Schädel einhauen. Gott der Allmächtige höchstpersönlich hilft dabei den Guten gegen die Bösen. Neuerdings gehören auch die Ideologien als säkulare Religionsnachfolger zu den Motivgebern. Sie erläutern den Menschen ganz genau, welches ihre Feinde sind und weswegen man sie daher am besten endgültig abschlachten und ausrotten soll: die endgültige Endlösung der Menschenfrage.

Hat man je davon gehört, dass sich irgendwelche Menschen wegen wissenschaftlicher Erkenntnisse gegenseitig aufhetzen ließen oder sich gar deswegen abschlachten würden?  Beispielsweise, dass sie sich um das wahre Bauprinzip eines Elektromotors gestritten hätten-? Merkwürdig -

Nicht nur der IS fährt mit der größten Selbstverständlichkeit Toyota-Automobile, benutzt Maschinengewehre, das Internet und Mobiltelefone - alles Erfindungen der "Ungläubigen". Der Papst fährt manchmal mit dem Papamobil oder fliegt mit einem vatikanischen Sonderflugzeug und betreibt TV- und Radiosender. Das sind nur einige wenige Beispiele.
Diese Dinge werden von sämtlichen Glaubensvertretern benutzt, und niemand würde deren Grundprinzipien in Frage stellen. Von Ungläubigen erfunden, produziert und ausgeliefert, sind sie zum Aufhetzen menschlicher Gruppierungen ziemlich ungeeignet - von den Kalaschnikoffs und Atombomben mal abgesehen.

Sie sind ausreichend zuverlässig, weil sie eben nicht auf irgendwelchen Phantasien oder Annahmen - präziser: Glaubenssätzen - beruhen, sondern auf beweisfähigen Tatsachen. Genau DAS macht den Unterschied.

Mit einer weltweit unumstrittenen säkularen Ethik auf naturwissenschaftlicher Grundlage könnte es ähnlich zugehen.
Noch ist sie Zukunftsmusik. Aber: An Zeus oder Jupiter glaubt auch niemand mehr - und an naturwissenschaftliche Erkenntnisse muss man gar nicht erst glauben. Sie gelten einfach, weil sie auf Tatsachen beruhen.

Im Gegensatz zu religiösen Dogmen hätte eine globale, säkulare Ethik nur vorläufigen Charakter und stünde daher routinemäßig ständig in der Diskussion. Aber, bis es soweit kommt - das kann dauern...