Reinhardt Graetz

Inhalt

Wahrheit


Wahr ist, was zutrifft.
...und nicht, was manche Leute als ihre "Wahrheit" verbreiten.
Es ist, wie es ist - egal, was wir uns darunter vorstellen.
Wahrheit kann man finden, nicht aber erfinden - sie ist einfach da.
Wahrheit lässt sich weder zurechtbiegen noch wegdiskutieren, obwohl es immer wieder versucht wird. Daher entsteht Wahrheit auch nicht durch subjektive Festlegung auf irgendeinen unbewiesenen Sachverhalt, selbst wenn man davon überzeugt wäre, dass er zuträfe; meine felsenfeste Überzeugung zählt da nicht. Siekönnte von der objektiven Wahrheit beliebig abweichen.

Eine Wahrheit - viele Meinungen
Viele sagen "Wahrheit", wenn sie eine bestimmte Meinung vertreten. Ob diese ihre Meinung der Wahrheit entspricht, muss erst noch an den Realitäten geprüft werden. Eine subjektive Wahrheit trifft aber immer nur für einzelne Menschen zu, sie ist weder allgemeingültig noch beweisbar. Viele Menschen bilden sich viele verschiedene Meinungen. Die Wahrheit bleibt zuletzt unauffindbar, wenn sie von lauter falschen Meinungen verstellt wird.

Die objektive Wahrheit dagegen ist allgemeingültig - und daher grundsätzlich auch beweisbar. Beweise zeigen Realitätsnähe an; wenn Beweise fehlen, sind Wunschdenken, Glauben, Beliebigkeit und Realitätsferne nicht weit. Zur gesamten Wahrheit gehört aber auch, dass sich viele Menschen unterschiedliche Meinungen über bestimmte Sachverhalte zu bilden pflegen - egal, ob sie damit richtig liegen oder nicht.

Der Mensch stellt immer Fragen; viele Antworten darauf sind meist nur vorläufiger Natur. Fragen polarisieren unsere Sicht der Dinge; Antworten grenzen sie ein: ganz ähnlich, wie unsere ursprüngliche Wahrnehmung funktioniert.

Das Glück im Leben zu finden ist legitim, aber auch immer ichbezogen. Dies setzt voraus, die Wahrheit zu akzeptieren; mit einer Lebenslüge fände man kaum sein Glück...

Vom Wahrsagen* lässt sich wohl leben in der Welt, nicht aber von Wahrheit sagen...

Georg Christoph Lichtenberg

 

Gerüchte
Eines Tages kam einer zu Sokrates und war voller Aufregung.
"He, Sokrates, hast du das gehört, was dein Freund getan hat? Das muss ich dir gleich erzählen."
"Moment mal", unterbrach ihn der Weise. "hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?"
"Drei Siebe?" fragte der andere voller Verwunderung.
"Ja, mein Lieber, drei Siebe. Lass sehen, ob das, was du mir zu sagen hast, durch die drei Siebe hindurchgeht.
Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?"
"Nein, ich hörte es irgendwo und..."
"So, so! Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft. Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst - wenn es schon nicht als wahr erwiesen ist - so doch wenigstens gut?"
Zögernd sagte der andere: "Nein, das nicht, im Gegenteil..."
"Aha!" unterbrach Sokrates. "So lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden und lass uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich erregt?"
"Notwendig nun gerade nicht..."
"Also" lächelte der Weise, "wenn das, was du mir das erzählen willst, weder erwiesenermaßen wahr, noch gut, noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit!"