Reinhardt Graetz

Inhalt

 

Schulmedizin

- ein vergifteter Begriff


Der Erfinder dieses Begriffes (Franz Fischer - Homöopath aus Weingarten 1876) hätte mindestens eine Ehrenmedaille verdient - für seine geniale Wortschöpfung, geschehen bereits im 19. Jh. Dieser Begriff ist durch und durch vergiftet - und keiner hat es so recht bemerkt. Die Wirkung ist ähnlich wie bei einem Trojaner im Computerbereich - das Gift schleicht sich unbemerkt ein und verbreitet sich überall.

Bei "Schulmedizin" denke ich an Schulspeisung, Schulorchester, "Jugend forscht"; ich sehe die noch feuchten Eierschalen hinter den pubertären Schülerohren, höre die unvermeidlich schiefen Töne des Schulorchesters und sehe, wie sich alle redlich und nach Kräften bemühen. Wie in dem Standard - Zeugnistext: "...er/sie hat sich stets bemüht, ..." (...und nie was Rechtes hingekriegt, soll dann der Leser ergänzen). Wir lassen dann unser schulterklopfendes Wohlwollen 'raushängen und meinen jovial: ja, alle Achtung - wenn die so weitermachen, kann bestimmt noch was draus werden...!

Genau diese Assoziationen soll der Begriff "Schulmedizin" beim Leser erzeugen und ihm suggerieren: na ja, die grünen Jungs/Mädels bei der "Schulmedizin" müssen sich halt noch mächtig anstrengen und viel lernen, bis sie dermaleinst zu richtigen Profis werden. Im Gegensatz dazu gerieren sich die "alternativen" Mediziner als die wahren Gralshüter der Medizin, die allein die rechten Erkenntnisse gepachtet haben und im Zweifelsfall weiterhelfen, wenn die "Schul"medizin versagt - und genau diese Botschaft soll dem Leser unbemerkt untergejubelt werden. Natürlich versagt immer nur die "Schul"medizin – die alternative Medizin hingegen nie...!

Mein Arzt ist übrigens kein Schulmediziner - der war, wie die meisten seiner Kollegen, nach der Schule auf einer Universität und hat am Ende seines Studiums promoviert. Deshalb darf der sich seither "Dr. med." nennen. Und er hat sich seinen Titel auch nicht irgendwo gekauft oder abgeschrieben, sondern durch ein langes, hartes Studium selbst erworben. Manche Heilpraktiker hingegen haben vermutlich gerade so ihre Schule geschafft und eine Uni nie von innen gesehen.

Nein, einen ganzen Berufsstand will ich hier gar nicht madig machen. Es gibt ja auch Heilpraktiker, die Medizin studiert haben und gute Arbeit leisten. Schließlich gilt: wer heilt, hat Recht - ob auf wissenschaftlicher Grundlage oder per Autosuggestion, Unterabteilung Placebo-Anwendung, auch Homöopathie genannt. Überall gibt es ja Leute, die sich redlich bemühen. Aber es ist wie im richtigen Leben: Spreu und Weizen befinden sich manchmal dicht nebeneinander, leider auch im Medizinbereich, auf beiden Seiten. Mit einem einfachen Schulbesuch ist es eben nicht getan, wie uns der Begriff nahelegen will...

Warum sagen wir eigentlich nicht einfach Hochschulmedizin...!?